Theater

Kulturstau, Teil eins.

Nachdem ich in den letzten zwei Monaten weder im Kino noch im Theater war, was man unschwer an der recht beschränkten Themenauswahl der letzten fünf bis sechs Posts erkennen kann, haben knapp vier Tage in Berlin ausgereicht, um einen regelrechten Artikelstau auszulösen. In der Warteschlange befinden sich zur Zeit:

– die Robert-Wilson-Inszenierung von Wedekinds Lulu am Berliner Ensemble
– der neue Kinofilm von Mutter und Sohn Schwochow, Die Unsichtbare
– der Berlinale-Gewinner Cesare deve morire

und heute Abend schaue ich mir The Artist an und werde darüber bestimmt auch noch das ein oder andere zu sagen haben. Der langen Rede kurzer Sinn: Ich fange einfach vorne an und arbeite mich von oben bis unten durch meine Liste durch. Ich hoffe inständig, dass ich dazu die nötige Disziplin aufbringen kann. Aber ich gebe mein Bestes.

Ich beginne also mit Robert Wilsons Lulu. Unter normalen Umständen würde ich womöglich von Frank Wedekinds Lulu schreiben, aber in diesem besonderen Fall hat Robert Wilson ein fast noch größeres Anrecht darauf, diese Lulu sein Eigen zu nennen, als es das Autor hat, der die Figur 1913 für seine beiden Stücke Erdgeist und Die Büchse der Pandora geschaffen hat. Robert Wilson nämlich erfindet es neu, dieses liebeshungrige Mädchen mit dem enormen Männerverschleiß, das erst in Jack the Ripper sein Gegenstück und – welch Ironie des Schicksals – auch seinen Mörder findet. Dazu ist schon die Besetzung der 65-jährigen Angela Winkler in der Titelrolle ein erster Schritt.

Wer Robert Wilson nicht kennt und sich eine Zusammenfassung des Theaterstücks durchliest, erwartet wahrscheinlich eine Orgie aus Kunstblut, nacktem Fleisch, Dreck und Körperflüssigkeiten. Wer Robert Wilson kennt, zweifelt angesichts der Stückauswahl womöglich an seinem Verstand: Bei Wilson ist nichts dreckig und versaut, in seinen fast tänzerisch durchchoreographierten Inszenierungen werden selbst Berührungen von den Darstellern nur pantomimisch angedeutet. Wie geht das zusammen, der klinische Wilson und die laszive Lulu?

Es geht sehr gut. Wenn man sich einmal von der Gewohnheit gelöst hat, dass die Handlung in einer Theateraufführung den höchsten Stellenwert hat, kann man sich von den Bildern, die Wilson auf der Bühne schafft, vollkommen überrollen lassen. Nach der Pause beispielsweise hebt sich der Vorhang und öffnet den Blick auf eine Allee von Zypressen, die tief in den Bühnenraum zu gehen scheint. Dazwischen hängen glitzernde Kronleuchter und verleihen dem Bild eine surreale, seltsam entrückte Aura, die durch das lispelnde Flüstern Angela Winklers nur noch unterstützt wird.

Spätestens an diesem Punkt ist klar: Bei Robert Wilson geht alles Hand in Hand. Die Darsteller, die Kostüme, die Maske, die Beleuchtung, die Musik, die Lou Reed eigens für die Inszenierung komponierte, der Text, der stellenweise kaum mehr ist als ein rhytmisches Hintergrundgeräusch, das alles dient weniger dem Erzählen einer Geschichte als dem Erschaffen einer Stimmung, die auf den Zuschauer übergreift. Mal begeistend und mitreißend, mal beklemmend und lähmend – mit Lulu beweist Robert Wilson nach der Dreigroschenoper und Shakespeares Sonetten einmal mehr, dass er, was Stimmungen angeht, ein Meister seines Fachs ist.

Die Kritik, dass, egal welches Stück man in die Wilson-Maschine steckt, am Ende immer ein Wilson-Stück mit weißgeschminkten Gesichtern und marionettenhaften Bewegungen herauskommt, ist durchaus berechtigt. Dennoch finde ich es immer wieder spannend und vor allem auch überraschend zu erleben, was Wilsons Inszenierungsform aus so unterschiedlichen Stücken wie Brechts Dreigroschenoper oder eben Wedekinds „Monstertragödie“ macht.

Vielleicht bin ich deshalb so ein großer Fan von Wilsons Arbeit. Letztes Jahr haben mich Shakespeares Sonette im Berliner Ensemble buchstäblich weggeblasen. Um davon einen Eindruck zu gewinnen, empfehle ich einen Besuch bei youtube.

In dieser Szene, einer der besten des Abends, sehen wir Inge Keller als Shakespeare, Anna Graenzer als Boy und Sabin Tambrea in der Rolle der Lady und ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich mir diese Stelle angucke, gerade schon wieder.
Aber um Wilson aber tatsächlich in seiner ganzen Kraft und Fülle an Ideen zu erleben, führt kein Weg an einem Besuch im Berliner Ensemble vorbei. Egal ob Wedekind, Shakespeare oder Brecht, Wilson schafft es, diesen alten Meistern einen ganz neuen Atem einzuhauchen. Es lohnt sich. Ehrlich.

Ich verabschiede mich jetzt bis zum Kulturstau, Teil 2, aber nicht ohne ein paar freundliche Worte an meinen ersten, eigenen, echten Follower zu richten: Vielen Dank und herzlich Willkommen!

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