Awards/Film

Kulturstau, Teil drei.

(Hier ein Link zu Kulturstau, Teil eins und Teil zwei.)

„Seit ich weiß, was Kunst ist, ist diese Zelle zum Gefängnis geworden.“
– Cesare deve morire –

Der Vorhang hebt sich. Wir werden Zeuge einer Aufführung von William Shakespeares Julius Caesar. Das Publikum jubelt, die Darsteller freuen sich wie Kinder. In der nächsten Szene werden sie von Wachmännern zurück in ihre Zellen geführt.

So beginnt der diesjährige Berlinale-Gewinner Cesare deve morire, ein Dokumentarfilm der italienischen Brüder Paolo und Vittorio Taviani. Er erzählt die Geschichte eines Theaterprojekts hinter den Mauern eines römischen Gefängnisses. Inwiefern man den Film tatsächlich dokumentarisch nennen kann, ist allerdings streitbar. Mit Beginn der Proben – der Film wechselt hier zu einem kalten, harten Schwarzweiß – beginnen die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung, zwischen Shakespeare und Gefängnisslang, zwischen Darsteller und Rolle zu verschwimmen. Der Regisseur beispielsweise tritt nur in den ersten Probenszenen auf. Mit fortschreitender Zeit scheint es fast so, als übten die Insassen ihre Szenen nur unter sich, mal in der Zelle, mal auf dem Hof, mal auf dem Gefängniskorridor. Was dabei herauskommt ist eher eine collagenhafte Inszenierung des Shakespeare-Stückes als eine Dokumentation eines Theaterprojekts.

Dennoch verlieren die Darsteller, allesamt tatsächlich Insassen des römischen Gefängnisses, in dem gedreht wurde, nichts von ihrer Authentizität. Das ist vielleicht auch der geschickten Wahl des Stücks Julius Caesar zu verdanken. „Echte“ Verbrecher spielen hier Männer, die – sei es aus Not heraus, sei es aus Gewissensgründen oder politischer Taktik – zu Mördern werden. Der Schritt von den zerfurchten Gesichtern der Gefängnisinsassen zu den Verschwörern des römischen Senats ist kein großer: der Wunsch nach Freiheit, der Wunsch nach Vergebung und gleichzeitig das Wissen um die eigene Schuld – das sind Gedanken, die sowohl Shakespares Figuren als auch ihre Darsteller umtreiben.

Den Brüdern Taviani gelingt es, diese durchaus etwas komplizierte Versuchsanordnung in Bilder zu fassen, die sowohl Shakespeares Drama als auch dem inhaltlichen Anspruch der Dokumentation gerecht werden. Ohne ein Wort des Kommentars schaffen sie es, dem Zuschauer eine Nachricht von tiefer Menschlichkeit zu übermitteln. So wird zum Beispiel eine Fototapete im Probenraum schnell zum Sinnbild des Freiheitswunsches. An der Message des Films ist nichts subtil, nichts unterschwellig: Ein Mensch, der ein Verbrechen begangen hat, bleibt ein Mensch und ein Gefängnis ist kein Ort, der der Würde dieses Menschen gerecht werden kann.

Das ist, zugegebenermaßen, kein besonders revolutionärer Ansatz. Dennoch schaffen die berührenden Bilder und Shakespeares eindringliche und überraschend moderne Sprache es, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und zum Nachdenken anzuregen. Natürlich ist die Kritik berechtigt, dass Cesare deve morire das Alltagsleben im Gefängnis fast vollständig ausklammert und lediglich bei mehr oder weniger inszenierter Probenarbeit und Close-ups der Darsteller verharrt. Aber ganz ohne erwartbare Bilder von Speisesälen, sanitäten Anlagen und schlechtem Essen einen Eindruck davon zu erwecken, wie das Leben hinter den Betonmauern sein muss, das ist eine Leistung, die bei der Berlinale meiner Meinung nach zu Recht honoriert wurde.

So, das war’s. Kulturstau erfolgreich abgearbeitet. Zu The Artist, habe ich mir überlegt, äußere ich mich dann nach der Oscarverleihung, die heute Nacht gebührend mit Popcorn und Chips vor dem Fernseher meiner Mitbewohnerin gefeiert wird.

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