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Wurzelbehandlung.

Wenn bei den Oscars letzte Nacht eine Tendenz auszumachen war, dann war es die, dass Hollywood sich zur Zeit mehr für seine Vergangenheit zu interessieren scheint als für seine Zukunft. Vier der neun Nominierten für den besten Film spielen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und damit nicht genug: Mit Ausnahme vielleicht von War Horse schwelgen sie in der Nostalgie der Goldenen Zwanziger, noch dazu beschäftigen sich The Artist und Hugo Cabret, die großen Abräumer des Abends, fast ausschließlich mit der Geschichte des Kinos.

Hollywood scheint sich zu seinen Anfängen zurückzusehnen, als noch Multitalente wie Charlie Chaplin und Buster Keaton mit ihren ebenso simplen wie genialen Filmen Erfolge feieren. Wie einfach es damals auch war, etwas Neues zu erschaffen. Oder um es mit den Worten von Mark Twain zu sagen: „How lucky Adam was. He knew when he said a good thing nobody had said it before.“ Heute sind die meisten Filme entweder Abklatsch oder Remake oder Fortsetzung eines bereits existierenden Erfolgsmodells. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet The Artist der hochgelobte Film der Saison ist – ein Film, der so oder so ähnlich genauso gut vor achtzig Jahren in den Kinos hätte laufen können und der heute dennoch als große Neuentdeckung des Kinos gefeiert wird.

Auch die Oscarverleihung hat diese Tendenz aufgegriffen: Anstatt in große Effekte und aufwändige Animationen zu investieren, setzt die Show auf schlichte Eleganz, angefangen beim Bühnenbild bis hin zur Präsentation der Nominierten ganz im angesagten Stummfilm-Stil. Sogar auf dem roten Teppich kommt man um Kleider in weiß, Nude- und Goldtönen, mit Perlenbesatz und tiefen Taillen nicht herum. Da ist es schon fast verwunderlich, dass niemand mit Gatsbys cremefarbenen Oldtimer-Schlitten vorgefahren kommt.

Ich finde das ein bisschen bedenklich. Hollywood, die selbsternannte Traumfabrik, scheint nur noch in Erinnerungen zu schwelgen, anstatt sich selbst neu zu erfinden. Wo ist der Mut zur Innovation geblieben? Filme wie Der Gott des Gemetzels und Wer ist Hanna? haben vielleicht das Rad nicht neu erfunden, aber sie haben zumindest nach einer (Bild-)Sprache gesucht, mit der man eine altbekannte Geschichte neu erzählen kann – und wurden von der Academy noch nicht einmal mit einer Nominierung honoriert.

Ich behaupte nicht, dass es schlecht ist, sich in Zeiten einer Krise auf seine Anfänge zu besinnen. Was mir Sorgen bereitet ist vielmehr die Tatsache, dass die klugen Köpfe Hollywoods aus dieser Wurzelbehandlung offensichtlich keine neuen kreativen Ressourcen mehr ziehen können. So bleibt The Artist bei aller schauspielerischen Leistung und aller Liebe zum Detail lediglich ein Stummfilm, den man in den 20ern zu drehen vergessen hat. Was fehlt, ist der Bezug zur heutigen Zeit, der künstlerische „Twist“, die Antwort auf die Frage: Warum muss ich heuten einen Film machen, der eins zu eins aussieht wie aus den Zwanziger Jahren, wenn es mehr als genug Originale gibt, die man sich genauso gut anschauen könnte?

Wenn man aber mal allen Wunsch nach  neuen Ideen beiseite lässt (denn neu ist die Idee, dass in einem Film übers Kino eine Filmrolle Feuer fängt, seit Cinema Paradiso und Inglorious Basterds wirklich nicht mehr), bleibt bei The Artist noch erstaunlich viel, was es sich anzusehen lohnt. Allem voran ist das (neben dem knuffigen Hündchen Uggie) die enorme schauspielerische Leistung des ersten Stummfilmstars des 21. Jahrhunderts, Jean Dujardin, der nicht zu unrecht mit einem Oscar für den besten Hauptdarsteller belohnt wurde. Tatsache ist: es fällt wirklich schwer, The Artist nicht zu mögen, und glaubt mir, ich habe es versucht. Aber wer The Artist mochte, wird sich vielleicht auch einmal hinsetzen und sich eines der großen Originale ansehen, wie etwa Charlie Chaplins Modern Times (der ironischerweise auch nicht wirklich ein Stummfilm ist) oder meinen absoluten Buster-Keaton-Liebling The Cameraman (der bei dieser Gelegenheit mal in einer bezahlbaren Version auf DVD erscheinen könnte). Noch ist also nicht alle Hoffnung verloren, dass Hollywoods neue Retro-Orientierung vielleicht doch noch ein paar positive Folgen haben wird.

 

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