Theater

Warum so ernst? Bitte lächeln.

Es lässt sich nicht leugnen, dass man sich den Spaß am Theater heutzutage oft redlich verdienen muss. Zu erkaufen ist er mit schweigendem Ertragen endloser Monologe, ebenso schweigendem Hinnehmen kruder Inszenierungen, mit denen der Regisseur augenscheinlich nur seine eigene Überlegenheit unter Beweis zu stellen will („Wenn du das nicht verstehst, dann bist du eben einfach nicht so klug wie ich!“) und schweigendem Einverständnis mit den intellektuellen Halbweisheiten, die im Nachgespräch ausgetauscht werden. Was bleibt sind Momente von schauspielerischer Größe, von Gänsehaut und Standing Ovations, aber die sind rar geworden, zumindest wenn man sie auf eine dreistündinge Inszenierung voller Blankverse hinunterbricht.

Einem Menschen, der vergessen hat, dass Theater auch Spaß machen kann, würde ich einen Besuch im Jungen Theater Bonn empfehlen, denn das geizt nicht mit großartigen Momenten. Das könnte an der Tatsache liegen, dass dort mit einem gemischten Ensemble gearbeitet wird, das sowohl aus erfahrenen Berufsschauspielern als auch aus jugendlichen Laiendarstellern besteht. Insbesondere letztere sprühten in bisher jeder Vorstellung, die ich dort erleben durfte (und das waren viele) nur so von überschäumender Spielfreude, Begeisterung und Spaß an der Sache.

Ein anderer Faktor ist definitiv das Publikum. Es besteht oft zu großen Teilen aus Schulklassen und die reagieren auf das, was sie sehen, erfrischend ehrlich. Wenn ihnen etwas gefällt, gibt es Szenenapplaus (nicht wie bei den Wagner-Fans, die, aus Angst, sich eine Blöße zu geben, lieber gar nicht klatschen als an der falschen Stelle), wenn es lustig ist, wird schallend gelacht (und nicht verdruckst, weil „man ja nicht zum Lachen in eine griechische Tragödie geht“) und wenn einer etwas nicht versteht, ertönt schon mal ein schallendes „Hä?!“ aus dem Publikum.

Allerdings macht das Junge Theater Bonn nicht den Fehler, sein junges Publikum (und auch seine jungen Darsteller) zu unterschätzen. Ein treffendes Beispiel ist das Stück Geheime Freunde, das ich mir gestern endlich ansehen konnte. Hier kann man wirklich nicht davon reden, dass die Zuschauer intellektuell oder emotional unterfordert werden: Im New York der 40er Jahre versucht der zwölfjährige Alan, zunächst unfreiwillig, eine Beziehung zu der vom Krieg in Europa traumatisierten Naomi aufzubauen. Mit Hilfe seiner Bauchrednerpuppe Charlie gelingt es ihm, Naomis Vertrauen zu wecken – aber die keimende Freundschaft zwischen Alan und Naomi bringt mehr Probleme mit sich als zunächst erwartet.

Die Themen Krieg, erste Liebe, Freundschaft, Traumatisierung und Drittes Reich in eine Geschichte zu packen und die auch noch so zu erzählen, dass Jungendliche ab zwölf Spaß daran haben – dieser Herausforderung stellt man sich nicht einfach so. Nicht umsonst hat sich das Junge Theater Bonn in der Vergangenheit schon einen Namen damit gemacht, sensible Themen mit sehr talentierten Jungschauspielern überzeugend auf die Bühne zu bringen. Mit Geheime Freunde gelingt erneut, was mich schon bei Törless und Beautiful Thing überrascht und begeistert hat: Eine Inszenierung voll Leichtigkeit und Witz, die dank des intensiven Spiels der beiden jugendlichen Hauptdarsteller und der intelligenten Inszenierung nichts an Tiefe einbüßt.

Hier ist es tatsächlich kein Paradox, wenn man eine todtraurige Aufführung mit einem breiten Lächeln im Gesicht verlässt. Der Fall ist klar: So macht Theater Spaß. Die Begeisterung, mit der alle Beteiligten im Jungen Theater Bonn bei der Sache sind, schwappt in den Zuschauerraum über und steckt einfach an. Und nicht nur das: Sie macht auch süchtig.

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