Bücher/Film

Brot und Spiele.

Normalerweise bin ich ja vorsichtig mit negativen Vorurteilen, aber das wenige, was ich von The Hunger Games vor meinem sehr spontanen Kinobesuch wusste, ließ darauf schließen, dass es sich um irgendwas Neues, Twilightähnliches handelt. Eine mehrteilige Buchreihe, eine weibliche Teenagerheldin, Fantasyelemente… Keine besonders positiven Voraussetzungen.

Ich saß also im Kino und habe versucht, anhand der Trailer herauszufinden, was für eine Art Film mich erwartet. Ziemlich viel Action, Endzeitszenarios und Abenteuer. Naja. Dann kam das, von dem die Twilight-Macher behaupten, es wäre ein Trailer für Breaking Dawn (in Wahrheit ist es eine Aneinanderreihung von Landschaftsaufnahmen und Close-ups von ausdruckslosen Gesichtern der Hauptdarsteller, unterlegt mit dramatischer Musik). Amüsiertes Gekicher im Publikum. Kein Kreischen. Kein Seufzen. Also vielleicht doch nicht ganz das gleiche Publikum wie Twilight.

Nein, The Hunger Games hat mit Twilight nicht besonders viel gemeinsam. Höchstens die grausame Übersetzung des auf Englisch zumindest annehmbaren Titels ins Deutsche („Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele“ – im Ernst?). Und eine Heldin, mit der sich Leserinnen zwischen zwölf und zwanzig offensichtlich hervorragend identifizieren können. Allerdings sollte Katniss Everdeen einen besseren Einfluss auf diese Leserinnen haben als Bella Swan. Während letztere sich bevorzugt von männlichen Verehrern retten lässt und vergeblich versucht, sich darüber klarzuwerden, was sie will, ist Katniss eine Heldin, die man sich tatsächlich als Vorbild vorstellen kann: eigenwillig, selbstständig, ziemlich erwachsen – und trotzdem sind ihr ganz normale Teenagerprobleme nicht fremd.

Für die bleibt in der Geschichte zunächst allerdings erstaunlich wenig Platz: Um ihre Schwester vor diesem Schicksal zu bewahren, meldet Katniss sich freiwillig als Teilnehmerin an den sogenannten Hungerspielen. Als eine Form der Unterdrückung und sehr kruden Unterhaltung werden jährlich jeweils ein Junge und ein Mädchen aus den zwölf Districts des dystopischen Zukunftsstaats, der einmal Amerika war, ausgelost und in einer tödlichen Arena gegenübergestellt: Wer der vierundzwanzig Tribute als einziger überlebt, ist der Sieger. Das Ganze wird live im Fernsehen übertragen – zur Qual der Districts und zur Unterhaltung der Hauptstadt.

Nicht besonders originell, eher eine Mischung aus Herr der Fliegen und The Truman Show und bei weitem nicht so gesellschaftskritisch wie diese beiden Meisterwerke. Auch macht man sich nicht die Mühe, Anleihen beim römischen Imperium – wie etwa Gladiatorenkämpfe, das Konzept von „Brot und Spiele“ und die Vornamen der Hauptstadtbewohner (die sich fast alle im Figurenverzeichnis von Shakespeares Julius Caesar finden lassen) – wenigstens ein bisschen zu verschleiern. Trotz oder vielleicht auch wegen dieser altbekannten und zugegebenermaßen in der Vergangenheit durchaus bewährten Versatzstücke wird aus The Hunger Games ein durchaus unterhaltsamer Film.

Es ist natürlich nicht ganz legitim, den Film zu bewerten, ohne das Buch zu bewerten. Das Buch habe ich, nachdem ich den Film gesehen habe, in einem Rutsch durchgelesen und mich dabei prächtig unterhalten gefühlt. Vielleicht sollte man sich aber, je nachdem, welches Medium man bevorzugt, für eines entscheiden. Denn ich finde, Buch und Film sind, wenn auch nicht von der Handlung, so doch zumindestens vom Fokus auf diese Handlung her, sehr unterschiedlich.

Im Film beispielsweise war Seneca, der diabolische Herr über die Spiele, eine meiner liebsten Figuren. Im Buch – zumindest im ersten – taucht er nicht auf. Das mag daran liegen, dass im Film eher die Geschichte der Hungerspiele erzählt wird als die persönliche Geschichte der Heldin Katniss. Um verstehen zu können, wie die Manipulation der Tribute und die Inszenierung der Spiele abläuft, braucht es eine Figur, die hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hat. Im Buch bleibt aus Katniss‘ persönlicher Sicht dieser Lenker unsichtbar und deshalb gestaltlos – im Film heißt er Seneca, hat einen interessanten Bart und wird hervorragend von Wes Bentley verkörpert.

Eine Person, die von der Verfilmung wenig profitiert, ist Katniss‘ Mit-Tribut Peeta, der leider nicht Peter heißt, wie ich den ganzen Film über dachte, bis ich beim Abspann enttäuscht feststellen musste, dass in dieser Zukunft nicht eine einzige Person einen normalen Namen hat. Peeta hat im Buch tatsächlich sowas wie einen Charakter. Dass mich das überrascht kann nur daran liegen, dass ich zuerst den Film gesehen habe. Denn da ist Peeta, wenn überhaupt, ein sympathischer, aber entbehrlicher Sidekick. Denn obwohl sich die Filmemacher alle Mühe geben, Peeta und Katniss‘ Geschichte mit Hilfe von blaustichigen Rückblenden eine Vergangenheit und Peetas Handlungen somit einen Sinn zu geben, gelingt das nicht wirklich. Um Peeta als Charakter zu verstehen (und er ist ein ziemlich guter, komplex ausgedachter Charakter), sollte man vielleicht doch mal einen Blick ins Buch werfen.

Es ist ziemlich schwierig, nach Buch und Film zu einem ordentlichen Fazit zu kommen. Buch sowie Film haben mir  gefallen – gut gemacht und nicht so unintelligent, wie ich gedacht hätte. Als Verfilmung des Buches hat der Film sicherlich seine Schwächen – andererseits ist es auch wieder eine seiner großen Stärken, dass er als eigenständiges Werk funktioniert, wenn es dazu auch einiger Änderungen in der Handlung bedurfte. Ob an dieser Stelle ein twilightähnlicher Hype gerechtfertigt ist, bleibt fraglich. The Hunger Games ist definitiv nicht so weltanschaulich zweifelhaft wie die Twilight-Serie, die unterschwellig ein ziemlich veraltetes Frauenbild predigt. Und es ist unterhaltsam. Zwar ist es weder so originell wie Harry Potter noch so gut geschrieben wie Der kleine Hobbit, aber ein gutes Jugendbuch ist es ohne Zweifel. Noch dazu eines, das sich nicht in der sehr suspekten Rubrik „Paranormal Romance“ (so gesehen in der Kinderbuchabteilung von Barnes & Noble) einordnen lässt. Und damit ist doch schon eine ganze Menge gewonnen.

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