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Das Ende der Hungerspiele.

Vermutlich gibt es einen triftigen Grund, warum Suzanne Collins ihre Trilogie ausgerechnet The Hunger Games genannt hat, aber für mich ist die folgende Theorie am Naheliegensten: Nach dem ich den ganzen Tag mit einer Tüte Haribo und dem dritten Band der Trilogie, Mockingjay, im Bett verbracht habe, fehlt mir vor allem eins: Ein ordentliches Abendbrot.

Nach dem Film und dem ersten Buch hatte ich den zweiten Band geradezu verschlungen und ich erinnere mich nicht, jemals so mit den Charakteren eines Romans mitgelitten zu haben, außer vielleicht bei Harry Potter und mit dem bin ich praktisch aufgewachsen. Ich rechne es meiner Mitbewohnerin hoch an, dass sie sich nicht beschwert hat, während ich ein Wochenende lang in meinem Zimmer gesessen und lauthals fiktive Personen angeschrien habe (ich verbuche das unter „Kathasis“). Ein nervenaufreibendes aber – wer wolle es leugnen? – durchaus unterhaltsames Erlebnis. Umso verständlicher, dass meine Erwartungen für Mockingjay geradezu astronomisch waren. Ich habe mich heute morgen also voller Vorfreude in mein Bett verkrümelt, sobald ich das Buch in den Händen hielt – und wurde gelinde enttäusch.

Ich will nicht behaupten, dass ich nicht gelitten habe. Ich habe sehr gelitten. Nur lag das dieses Mal nicht nur an den Schlimmsten aller Schicksale, die Suzanne Collins für ihre Charaktere stets in petto hat, sondern auch an der ein oder anderen kreativen Entscheidung. Ich will hier niemandem die Spannung verderben, aber ich glaube, ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass Katniss Everdeen am Ende immer noch lebt. Wie sollte es auch anders sein, schließlich erzählt sie die Geschichte – erste Person Singular, Präsens. Dass ein Ich-Erzähler stirbt, passiert vielleicht in avantgardistische Kurzgeschichten oder Romanen von Cecilia Ahern – im Hunger-Games-Universum ist das eher unwahrscheinlich.

Ein weiterer Punkt ist mir schon in den anderen Büchern aufgefallen, aber ich war bereit, großzügig darüber hinweg zu sehen, weil mir die Geschichte so gut gefallen hat: Die Namen. Ich habe wirklich nichts dagegen, wenn man sich Namen ausborgt, insbesondere, wenn es antike Namen sind. Aber in diesem Fall geschieht das so inflationär, dass es mir irgendwann wirklich auf die Nerven ging. Plutarch (im Original griechischer Schriftsteller). Cressida (schon wieder aus einem Shakespeare-Drama entführt). Und Zwillinge namens Castor und Pollux? Also bitte. Das Gleiche gilt für den Namen von Katniss‘ Einsatztruppe: 451. Ich glaube an das Gute im Menschen und bis das Gegenteil bewiesen ist, werde ich davon ausgehen, dass Mrs. Collins diese Zahl rein zufällig gewählt hat. Allerdings ist sie durch den großartigen Roman Fahrenheit 451 von Ray Bradbury doch sehr behaftet, wo sie symbolisch für die Feuerwehrtrupps eines dystopischen Zukunftsstaats steht, der am Ende in einem nuklearen Krieg in die Luft geht. Das ist mir ein bisschen viel der Gemeinsamkeiten. Ich möchte wirklich nicht pingelig sein, aber hätte Suzanne Collins nicht irgendeine andere Zahl wählen können? Meinetwegen auch eine symbolische? 112? 221B? 666? Der Handlung hätte es mit Sicherheit keinen Abbruch getan.

Dann wäre da noch Peeta, mein absoluter Lieblingscharakter, weil er auf eine so unprätentiöse Art und Weise ein Held ist. Sehr viel sympathischer als der ach so heldenhafte Held Gale. Nur kommt Peetas komplizierter Charakter im dritten Band leider auch nicht ganz unbeschadet davon. Er erinnert mich die meiste Zeit an den eines kleinen, blonden Lemmings, der herumrennt und sich möglichst effektiv umbringen lassen möchte. Wenn eine Person einmal aus tiefstem Seelenschmerz heraus darum bittet, man solle sie umbringen, dann ist das ja durchaus bemitleidenswert. Wenn diese Person das in jedem Buch der Trilogie mindestens zweimal tut, verliert es ein wenig an emotionaler Schlagkraft. Wirklich tragisch wäre es geworden, wenn Peeta sich tatsächlich umgebracht hätte und es wundert mich ein wenig, warum Suzanne Collins den Mut für diesen Schritt scheinbar nicht hatte. Sonst hat sie doch auch keine Probleme damit, Charaktere möglichst blutig sterben zu lassen.

Das, was ich hier gerade veranstalte, fällt womöglich unter trolling. Diesen Begriff habe ich auch erst kürzlich kennengelernt und wenn ich es richtig verstanden habe, dann versteht man darunter das bewusste Niedermachen eines beliebigen Gegenstands im Internet (und die hämische Reaktion auf die empörten Kommentare aller Fans des besagten Gegenstands). Ich merke auch schon, wie mein Tonfall ganz fies und sarkastisch wird. Dabei will ich wirklich keinen Verriss schreiben, noch irgendwen verurteilen, der The Hunger Games vergöttert. Ehrlich nicht. Ich habe mir heute ja selbst dezent erstaunt dabei zugesehen, wie ich Seite um Seite verschlungen habe, obwohl ich mich zwischenzeitlich über die Entscheidungen und den Schreibstil der Autorin geärgert habe.

Die einzige Begründung dafür: Suzanne Collins ist wirklich eine Meisterin ihres Fachs. Jeder weiß, wie schwierig es ist, ein gutes Buch zu schreiben, aber ich glaube, wir unterschätzen alle das unglaubliche Talent, das man braucht, um ein erfolgreiches Buch zu schreiben. Ich wäre die letzte, die Suzanne Collins dieses Talent absprechen würde. Man muss sich nur die Massen an Reaktionen im Internet ansehen um zu erkennen, was für ein breites Publikum ihr zu erreichen gelungen ist. Und dafür muss ich, ob ich mit Mockingjay jetzt zufrieden war oder nicht, meinen Hut ziehen.

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2 Kommentare zu “Das Ende der Hungerspiele.

  1. Ohja, ich habe mich auch über einige Entscheidungen im dritten Band fürchterlich geärgert. Vor allem hatte ich das Gefühl, dass Mockingjay ein riesiges Potenzial hat und trotzdem der schlechteste – oder sagen wir mal der unausgereifteste – von den dreien war. Das war so frustrierend! Aber süchtig war ich natürlich auch =)

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