Film/TV

Jammern auf hohem Niveau.

Eine Sache, die ich wirklich, wirklich traurig finde: Wenn Leute sagen, es gäbe keine guten Filme im deutschen Fernsehen. Natürlich gibt es die Freitagabendkomödien, die Sonntagsschnulzen und die Tatorte, die irgendwie uninspiriert aus dem Ärmel geschüttelt wirken. Aber es gibt auch diesen Sendeplatz der ARD am Mittwochabend, bei dem man sich (nicht immer, aber doch öfter, als es die miesepetrigen Fernsehkritiker zugeben wollen) auf wirklich gute, anspruchsvolle Filme einstellen kann.

Ich gucke mir das dann meistens in der Mediathek an, vorausgesetzt, es lohnt sich. Bei Guter Junge hat es sich definitiv gelohnt. Klaus J. Behrendt, der sonst in Köln Verbrecher jagt, spielt hier einen Taxifahrer, der vergeblich versucht, eine Verbindung zu seinem entfremdeten Sohn aufzubauen. Dieser Sohn, geradezu beängstigend gut gespielt von Sebastian Urzendowsky, hat allerdings ganz andere Probleme. Ganz leise, ganz langsam erzählt Guter Junge die Geschichte eines Mannes, dessen ganze Welt aus den Fugen gerät, als er erfährt, dass sein Sohn pädophil ist. Es ist ein schmaler Grat, auf dem der Film gekonnt die Balance behält: Man fühlt mit dem Sohn, er tut einem unendlich Leid – und trotzdem wird in keinem Moment versucht, seine Taten zu entschuldigen.

Ein anderer Film, der mir vom Mittwochabend im Gedächtnis geblieben ist, obwohl es wirklich schon lange her ist, dass ich ihn gesehen habe, ist Das letzte Stück Himmel von Jo Baier. Max von Pufendorf und David Rott spielen hier ein sehr unterschiedliches Brüderpaar: Während Anno sein Leben in vollen Zügen genießt, bekommt er einen Anruf von Julian – der will von der Brücke springen. Spontan nimmt Anno seinen Bruder bei sich auf und es gelingt ihm fast, ihm das Leben schmackhaft zu machen – bis sich die beiden in die gleiche Frau verlieben.
Ich habe wirklich eine Weile an dieser Zusammenfassung gesessen und versucht, die Handlung nicht formelhaft und klischeebelastet klingen zu lassen – vergeblich. Wahrscheinlich ist sie einfach formelhaft und klischeebelastet. Das ändert aber nichts daran, dass es sich bei Das letzte Stück Himmel um einen wirklich berührenden Film handelt – bei mir in der oberen Hälfte meiner Lieblingsfilmliste, obwohl es „nur“ eine deutsche Fernsehproduktion ist. Das Ende befindet sich definitiv in der Top Ten meiner liebsten Filmenden überhaupt. Natürlich verrate ich an dieser Stelle nicht mehr – anschauen lohnt sich! Auch wenn einem in diesem Fall nichts anderen übrig bleibt, als auf eine Wiederholung zu hoffen…

Was bleibt, ist Folgendes: Ja, man kann über das Programm der ARD jammern. Man kann sogar die Mittwochabendfilme für ihre schablonenhafte Handlung und ihre Tendenz, menschliche Schicksale klischeehaft zu überspannen, kritisieren. Man kann aber auch einfach einschalten und die durch die Bank guten deutschen Schauspieler bewundern. Oder die teilweise wirklich guten Drehbücher.

Ich tendiere da eher zu Letzterem.

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2 Kommentare zu “Jammern auf hohem Niveau.

  1. Hallo Laura,
    ich stimme Dir zu. Mittwoch Abend lohnt es sich oft, einzuschalten. „Sie hat es verdient“ oder „Homevideo“ lagen ebenfalls auf diesem Sendeplatz und beschäftigen sich mit durchaus gesellschaftkritischen Themen, die den Fernsehzuschauer an seine Grenzen bringen. Letzterer wurde sogar mit dem Grimmepreis ausgezeichnet.

    Aber gejammert wird immer und überall. Gerade besuche ich ein Seminar zum Drehbuchlektorat und der Dozent, ein alter Hase im Geschäft, der viel in Amerika gearbeitet hat, übt wiederholt, zum Teil sicher berechtigt, Kritik an deutschen Drehbüchern. Ich bin kein alter Hase, kann mich dem dennoch nicht immer anschließen – allein schon deshalb, weil ich in Deutschland lebe und gerade an einem Stoff arbeite, von dem ich glaube, dass sein Platz irgendwann am Mittwoch Abend in der ARD sein wird… 🙂

    Liebe Grüße
    Tine

    • Wow, das klingt spannend! Da wünsche ich viel Erfolg!
      An die beiden Filme erinnere ich mich auch noch lebhaft, die haben mich sehr beeindruckt. Allerdings waren die auch ungewöhnlich hart für den Mittwochabend, fand ich. Letztens kam noch so einer. “Uns trennt das Leben”. Ich habe mich selten so gegruselt! Aber wenn ich die Wahl habe, grusele ich mich definitiv lieber vor einem gut gemachten, spannenden Film als vor einem gruselig schlechten Drehbuch… 🙂
      Einen lieben Gruß zurück – ich verfolge gespannt, wie es bei Dir weitergeht…!
      Laura

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