Film/In Production

Der große Leonardo.

Wenn Hollywood schon auf die alten Geschichten zurückgreifen muss, dann doch bitte auf die guten. So wie in diesem Fall. F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby kann man wohl getrost einen der besten Romane der Weltliteratur nennen, einen der besten der amerikanischen Literatur ist er in jedem Fall. Romanverfilmungen sind natürlich generell schwierig, selbst wenn es sich nicht um einen makellosen Klassiker handelt. Ich möchte nicht in der Haut des Produzenten stecken, der versuchen muss, auf dem schmalen Grat zwischen Werktreue und Anpassung an den Zeitgeist zu balancieren. Man kann einen Film natürlich nicht nur nach seinem Trailer beurteilen, aber in diesem Fall scheint diese Gratwanderung gelungen.

Der große Gatsby scheint sich im Moment einer großen Beliebtheit zu erfreuen. Nicht nur Film und Theater, auch die Modewelt macht sich seinen zeitlosen Stil zunutze. Ganz zufällig ist dieser Trend sicherlich nicht: F. Scott Fitzgeralds Roman zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die am Rande einer Wirtschaftskrise steht, in den Tag hineinlebt und große Träume träumt, nur um am Ende daran zu zerbrechen – ein Thema, das heute so aktuell ist wie in den Zwanziger Jahren, als der Roman erschien. Im Zentrum der Handlung steht der charismatische Jay Gatsby, der rauschende Partys feiert in der Hoffnung, dass seine längst verflossene (und zu allem Überfluss auch noch verheiratete) Jugendliebe Daisy auf diesem Wege auf ihn aufmerksam wird. Durch den gemeinsamen Freund Nick Carraway, der die Geschichte aus seiner Sicht erzählt, kommt es tatsächlich zu einem Zusammentreffen – mit katastrophalen Folgen.

Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie gespannt ich diesen Trailer erwartet habe. Durch F. Scott Fitzgeralds bildhafte Sprache hatte ich eine sehr genaue Vorstellung davon, wie eine ordentliche Verfilmung dieses Meisterwerks auszusehen hätte – wie so ungefähr jeder zweite Mensch im Internet, wenn man dem Massenansturm mit Verbesserungsvorschlägen auf der IMDB-Diskussionsseite Glauben schenken will. Elemente wie das cremefarbene Auto, der Swimmingpool, das riesige Augenpaar auf einer Reklametafel, Goldtöne, bergeweise Hemden und das grüne Licht am Ende des Piers dürfen einfach nicht fehlen. Wenn man sich den Trailer ansieht, tun sie das (bis auf wenige Ausnahmen) auch nicht. So weit, so vielversprechend.

Jetzt zu den problematischeren Punkten. Bei der Verfilmung in meinem Kopf führte nicht Baz Luhrmann Regie, sondern Joe Wright (weil der bei all meinen Kopfkinoproduktionen Regie führt, das Allround-Genie), der aus dem Stoff wahrscheinlich ein sehr langsames, kammerspielartiges, bis ins kleinste Detail symbolisch ausgestattetes Ereignis mit Keira Knightley in einer Hauptrolle gemacht hätte. Wer Romeo + Julia oder Moulin Rouge gesehen hat, weiß, dass Baz Luhrmann seine Geschichten etwas anders erzählt. Und so ist es kaum überraschend, dass der Trailer uns auf eine kaleidoskopartige Achterbahnfahrt durch die verruchte Partywelt der Goldenen Zwanziger mitnimmt. Hier scheinen eher psychedelische Absinthträume Pate gestanden zu haben als die auf Goldtöne fixierte Sprache F. Scott Fitzgeralds.

Die Partys in meinem Kopf sahen anders aus. Trotzdem kann ich nicht umhin, einzugestehen, dass Baz Luhrmann mit seiner Art der Inszenierung nicht ganz falsch liegt. Um dem Publikum eine im wahrsten Sinne des Wortes mörderische Party vor Augen zu rufen, reicht es heute nicht mehr, ein paar Leute alkoholische Getränke konsumieren zu lassen, wie es zu Zeiten der Prohibition der Fall gewesen wäre. Ein gewisses Genie lässt sich Mr. Luhrmann also nicht absprechen, wenn er die recht authentischen Partybilder mit aktueller Musik unterlegt. Zu hoffen bleibt jedoch, dass das der Höhepunkt der Anachronismen ist, für die Baz Luhrmann ja schon in Romeo + Julia eine Schwäche bewiesen hat. Pistolen in Verona Beach – meinetwegen. Aber Gatsby mit einem Handy muss ich wirklich nicht sehen.

Eines lässt sich durch Baz Luhrmanns überbordenden visuellen Stil jedoch definitiv rechtfertigen: Die Entscheidung, ein auf Charaktere fokussiertes Drama in 3D zu drehen. Was für mich zu Anfang einem Sakrileg gleichkam (3D gehört bitte immer noch in Erlebniskinos in Freizeitparks, mit Filmkunst hat das nichts zu tun), bekommt durch den Trailer eine neue Facette. Vielleicht schafft Luhrmann es, die dritte Dimension so einzusetzen, dass sie nicht nur ablenkender Effekthascherei dient, sondern so, dass man tatsächlich in den Film „hineingesogen“ wird. Eine Chance werde ich der neuen Technologie in diesem Fall definitiv geben.

Eine weiterer Punkt, der mir Bauchschmerzen bereitet hat, war die Besetzung der Hauptrolle. Leonardo DiCaprio ist für mich in erster Linie immer Leonardo DiCaprio und dann die Rolle, die er in dem jeweiligen Film spielt. Fragt mich nicht, wie der Typ aus Inception hieß. Es ist Leonardo DiCaprio, der duch ein Hotel rennt, in dem die Schwerelosigkeit ausgeschaltet wurde. Bei einer so ikonischen Figur wie Gatsby wird das problematisch. Keine Leinwand ist breit genug für die Persönlichkeit von Leonardo DiCaprio und die von Jay Gatsby.

Ich weiß nicht genau, warum Leonardo DiCaprio mir in der Rolle dennoch ausnehmend gut gefällt. Tatsächlich könnte ich auf Anhieb keinen anderen Schauspieler nennen, der heute Jay Gatsby verkörpern könnte. Vielleicht liegt es daran, dass „Leo“, wie Gatsby, eine ikonenhafte Form des Ruhms erreicht hat. Man muss keinen Film mit ihm gesehen haben, um zu wissen, wer er ist – ebensowenig muss man eine von Gatsbys Partys besucht haben, um seinem zweifelhaften Ruf zu begegnet zu sein. Also macht es gar nichts, wenn ein bisschen von Leo mit in Gatsby hineinspielt – und sei es nur die Aura des universellen Stardoms. Außerdem sehen wir schon im Trailer verschiedenste Facetten des Charakters: Die galante, joviale Seite, die alle Bekannten „Sportsfreund“ nennt und die verzweifelte, seltsam realitätsferne Seite, die der lange verlorenen Liebe Daisys hinterherträumt.

Alles in allem bin ich von diesem Trailer durchaus positiv überrascht. So sehr sich einige der Entscheidungen von meiner Vorstellung des Romans unterscheiden, so gut scheinen sie in ihrer Gesamtheit zu funktionieren. Genaueres wissen wir erst im Januar, wenn der ganze Film in Deutschland in die Kinos kommt. Wie ich es bis dahin aushalten soll, ist mir ein Rätsel.

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