Film

Ein Lob auf den langsamen Film.

So, ihr Lieben. Meine Premiere ist durch, das Semester dementsprechend auch, ich kann mich jetzt wirklich nicht länger drücken. Will ich auch gar nicht.

Die ganze Aufregung um Anna Karenina hat mir in Erinnerung gerufen, dass ich mal ungefähr zwei Jahre lang ebenso geduldig und aufgeregt auf einen anderen groß angekündigten Frauenfilm gewartet habe: Jane Eyre. Den ich aber dann, trotz aller Vorfreude, nie gesehen habe. Dem musste ich Abhilfe schaffen, und so habe ich mir den Film neulich endlich angesehen. Lieber spät als nie, wie der kleine Lord sagen würde.

Nun hat sich aber Folgendes ergeben: Während der zweijährigen Wartezeit (bemessen von dem Augenblick, in dem ich Jane Eyre durchgelesen hatte und bei der Recherche nach einer guckbaren Verfilmung auf die geplante Neufassung gestoßen bin bis hin zu dem Moment, als der Film tatsächlich erschien) hat sich mein Filmgeschmack ziemlich verändert. Wobei, von „Geschmack“ würde ich da vielleicht gar nicht sprechen. Ein besseres Wort wäre womöglich „Genreschwerpunkt“. Während damals mein „Genreschwerpunkt“, wie inzwischen hinlänglich bekannt sein sollte, bei romantischen Komödien und Dramen möglichst mit Kostüm lag, habe ich kürzlich angefangen, mir Superheldenfilme, Science Fiction und realitätsnähere Dramen anzusehen. Ich habe immer noch nichts gegen Kostümfilme, nur fällt es mir inzwischen schwer, mich daran zu erinnern, was daran spannend ist.

So auch bei Jane Eyre. Ich will den Film wirklich nicht verreißen. Er ist eine äußerst gelungene Verfilmung eines klassischen Romans, die Schauspielerleistungen, die Kamera, die Regie, sogar das Drehbuch tragen dazu bei, den Roman auf der Leinwand auferstehen zu lassen. Bleibt nur ein winziger Haken: Jane Eyre, so sehr mir das Buch auch am Herzen liegt, ist dramaturgisch ein wenig aus der Mode gekommen. Um eine zeitgemäße Verfilmung zu schaffen, so ist zu vermuten, bedarf es also einer gehörigen Straffung des Materials.

Das ist hier nur in sehr geringem Maße geschehen. Das Drehbuch von Moira Buffini hält sich fast minutiös an die vorgegebenen Dialoge und Abläufe. Da scheint es schon fast revolutionär, dass der Film mit Janes Zufluchtsuche bei St. John Rivers und seinen Schwestern beginnt und von dort an praktisch in Rückblenden erzählt wird. Der Geschichte der Waise Jane Eyre, die nach einer erniedrigenden und unglücklichen Kindheit als Gouvernante im Hause des mysteriösen aber deshalb nicht weniger attraktiven Mr Rochester aufgenommen wird, wird der Film so mit Sicherheit gerecht.

Nicht so den Bedürfnissen des Spannung und Action gewohnten Publikums. Wozu man sagen muss, dass Jane Eyre eindeutig zu den dunkleren und ereignisreicheren Werken der vikorianischen Literatur gehört. Auch Jane als Charakter ist eine eher ungewöhnliche Heldin für diese Zeit, schafft sie es doch, sich trotz ihrer gesellschaftlich bedingten Unterlegenheit gegen die Männer und höher gestellten Frauen in ihrer Umgebung zu behaupten. Mia Wasikiowska spielt in diesem Fall eine ganz wunderbare stille aber dennoch selbstbewusste Jane. Über Michael Fassbenders Rochester muss ich wohl kaum etwas sagen. Jemand, der so rote Haare, so sturmgraue Augen und so viele Zähne hat, wurde meiner Meinung nach dazu geboren, einen byron’schen Helden zu verkörpern. Ich erinnere mich nur zu gut daran, wie ich von dem Casting erfahren und Bilder dieses mir völlig unbekannten, deutsch- und irischstämmigen Schauspielers gegoogelt habe – und begeistert war.

Was mir der Film gebracht hat, ist eine neue Einsicht, die ich durch das Buch allein nicht erreichen konnte: Die Beziehung zwischen Jane und Rochester ist eine äußerst merkwürdige. Nach der Lektüre des Romans hatte ich schon mal einige Äußerungen dazu gelesen, sie aber immer als kleingeistiges Gejammer gefühlskalter, feministischer Professorinnen abgetan. Nach dem Film, der aus der im Roman etwas langatmigen Annäherung zwischen Jane und Rochester die wichtigsten Momente herausdestilliert hat, wurde mir klar: Sie haben Recht. Das ist keine gesunde Beziehung, die Jane mit diesem Mann führt, den sie, auch als sie schon mit ihm verlobt ist, noch „master“ nennt. Und auch Rochester betont mehr als einmal, dass es Jane „besitzen“ wolle. Kann sein, dass das zu viktorianischen Zeiten der Höhepunkt der Romantik war. Auch heute haben Fans gewisser Vampirromane ja noch eine seltsame Vorstellung von funktionierenden Beziehungen („Ich habe mich heimlich in dein Zimmer geschlichen und dir beim Schlafen zugesehen.“ – „Wie süß von dir!“). Ich vermute allerdings, dass Charlotte Bronte (die man mit Umlaut über dem e schreibt, ich weiß, aber ich weiß nicht, wo dafür der Knopf auf der Tastatur ist) sich damit durchaus genderkritisch äußern wollte. Denn Jane und Rochester können schließlich erst zusammen sein, als sie ihm körperlich und geistig überlegen ist. Auch das hat der Film hervorragend in seine Bildsprache mitaufgenommen. Zuletzt ist es Rochester, der zu Jane aufblickt und auf sie angewiesen ist, nicht andersrum.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ja, Jane Eyre ist ein ungewöhnlich langsamer Film. Zumindest nach heutigem Standard. Das soll aber nicht heißen, dass er nicht sehenswert ist. Ich empfehle sogar ausdrücklich, sich zusammenzureißen und durchzuhalten. Dann hat dieser Film, gerade wegen seiner Langsamkeit, etwas durchaus Meditatives.

(Und, gut, ja, wer’s spannungsgeladener mag, der sollte sich vielleicht lieber X-Men: Die erste Entscheidung oder Inglorious Basterds angucken. Irgendwas mit Michael Fassbender sollte man allerdings gesehen haben. Ehrlich.)

Advertisements

3 Kommentare zu “Ein Lob auf den langsamen Film.

  1. Ich bevorzuge ja immer noch die BBC Version von 2006 (mit Toby Stephens und Ruth Wilson), die sich allerdings noch mehr Zeit lässt, dafür die Beziehung von Jane und Rochester modernisiert (ohne inhaltlich etwas zu verändern, einfach durch die Darstellung der Schauspieler – die kleinen Dinge) und so für heutige Zuschauer „gesünder“ erscheinen lässt. Wenn du nichts gegen lange Filme (im Grunde ist es eine Mini-Serie) hast, give it a try!

    • Ich fand die BBC-Verfilmung mit Toby Stephens auch besser geglückt.
      Michael Fassbender schaue ich mir allerdings auch gern an, der hat nur leider den Hang in für mich merkwürdigen Filmen mitzuspielen 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s