Film

Kevin.

We Need To Talk About Kevin ist kein Film über den ich gerne rede. Dementsprechend froh bin ich, dass ich ihn allein im Kino gesehen habe und nach dem Abspann mit dem Fahrrad und einem unwohlen Gefühl im Bauch nach Hause fahren durfte um die ganze Geschichte erst mal sacken zu lassen – ohne sich mit einem Haufen Begleiter darüber austauschen zu müssen.

Was nicht heißen soll, dass We Need To Talk About Kevin ein schlechter Film gewesen wäre. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass er der Beste war, den ich dieses Jahr im Kino gesehen habe. Nur ob er mir gefallen hat, darüber bin ich mir noch nicht ganz im Klaren. Wie viele gute Filme, die, wie man so schön sagt, „große Themen aufmachen“, ist Lynne Ramsays jüngstes Werk kein Film, den man sich einfach so ansieht. Kein Wohlfühlkino. Vielmehr Unwohlfühlkino.

Man verlässt das Kino mit mehr Fragen als davor und sollte das nicht auch so sein bei einem Film, der sich mit dem Thema Amoklauf auseinandersetzt? Zumindest scheint das, oberflächlich betrachtet, das Thema zu sein. Sieht man genauer hin wird jedoch klar: Kevins Entscheidung, in seine Schule zu gehen und mehrere Mitschüler und Lehrer zu erschießen, ist nur die Reaktion auf das, was den eigentlichen Kern des Films bildet: Die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn, die auf gegenseitigem Hass basiert – oder vielmehr auf der Unfähigkeit zu lieben.

Wo genau der Grundstein für diese dysfunktionale Beziehung gelegt wird, versucht der Film zu ergründen – ohne sich dabei auf eine Antwort zu fixieren. Vielmehr beobachten wir eine Aneinanderreihung von Szenen, die mehr und mehr einem Machtspiel von Mutter und Sohn gleichen. Wer da wen zuerst gehasst hat, das ist eine Frage, die sich ebensowenig beantworten lässt wie die von dem Huhn und dem Ei. Vielmehr werden weitere Fragen aufgeworfen: Was ist eigentlich schlimmer? Wenn der Versuch zu lieben scheitert, wie es bei Mutter Eva der Fall ist? Oder wenn der Versuch zu hassen gelingt?

Lynne Ramsay macht dabei nicht den Fehler, sich in endlosen Analysen in Dialogform zu ergehen. Vielmehr wird die ganze Geschichte über Bilder erzählt – fast ausschließlich. Das sollte einen bei einem Film nicht allzu sehr überraschen. Sieht man sich aber We Need To Talk About Kevin an, wird einem plötzlich klar, wie stark der durchschnittliche Hollywoodfilm gegen die symbolische Qualität der von Lynne Ramsay gewählten Bilder abfällt. Da scheint nichts dem Zufall überlassen. Die Farbe Rot zieht sich wie der, nun ja, rote Faden durch die ganze Geschichte. Wir beobachten Eva dabei, wie sie ihr Haus von den blutroten Schmierereien der vandalierenden Bevölkerung befreit, die ihr die Schuld an der Tat ihres Sohne geben; wie sie versucht, gegenüber dem Hass der Nachbarn das letzte Bisschen Würde zu bewahren. Erst in der letzten Szene kann sie Kevin die Frage stellen, die sie den ganzen Film über zu beantworten versucht, indem sie Szenen aus der Vergangenheit Revue passieren lässt: Warum?

Die Regisseurin verlässt sich dabei ganz auf das Geschick ihrer Hauptdarsteller und schreckt vor geradezu entblößenden Nahaufnahmen nicht zurück. Ein Risiko, das sie nicht umsonst eingeht. Tilda Swinton lässt einen in keiner Sekunde an Eva zweifeln, so widersprüchlich ihre Gefühle auch sein mögen. Ein noch größeres Lob gebührt vielleicht sogar den drei Darstellern, die Kevin verkörpern. An den Performances von Ezra Miller, Jasper Newell und Rock Duer ist mir einiges ein Rätsel. Zuerst: Wie können sich drei anscheindend nicht miteinander verwandte Personen so ähnlich sehen? Und dann: Wie können die auch noch so unheimlich gut schauspielen? Und ich meine „unheimlich“ im ursprünglichen Sinne des Wortes. Allein bei dem Gedanken daran kriege ich immer noch eine Gänsehaut.

We Need To Talk About Kevin ist ein Film, der das Publikum mitfühlen lässt. Aber ich rede nicht von dem wohlig-kuscheligen Mitgefühl in romantischen Dramen. Ich rede nicht von schönen Gefühlen. Gegen Ende kann man nicht umhin, jede einzele Figur des Films ein wenig zu hassen. Auch das ist eine Form von Mitgefühl, wenn es sich um einen Film handelt, bei dem jeder im Grunde seines Herzens jeden hasst. Es spricht für Lynne Ramsays enormes Talent als Regisseurin, dass es ihr gelingt, dieses Gefühl allein mit Hilfe von Bildern heraufzubeschwören. Soetwas erlebt man im Kino nicht alle Tage, das rüttelt einen auf und lässt einen nicht ruhig schlafen. Ich sage also: Geht und schaut euch diesen Film an, wenn es auch keine angenehme Erfahrung sein wird. Denn Filme wie dieser haben das Potenzial, tatsächlich etwas zu verändern, wenn man beginnt, darüber zu reden.

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2 Kommentare zu “Kevin.

  1. Hallo Laura,

    vielen Dank für den ausführlichen Tip. Seit Wochen frage ich mich, welchen Film ich denn nun mal wieder sehen muß…

    Liebe Grüße
    Tine

  2. Eine gute Freundin empfahl mir einst, gleich nach der schwarzen Komödie „Ein todsicherer Job“, auch das zu oben genannten Film gehörende Buch (oder besser: Das Buch vom Film zum Buch). Sie sagte, es sei eines der besten Bücher, das sie je gelesen hat. Eben weil es nicht kuschlig-wohlig-romantisch ist. Oder spannend-aktionreich-unterhaltend. Sondern erschütternd. Und aufreibend. Und anregend. Und man vergisst es nicht. Und das sind eben auch Attribute, die einen guten Roman (und einen guten Film) ausmachen. Steht auf jeden Fall auch auf meiner Liste, wobei ich zunächst (natürlich, ich mach das halt immer so) das Buch lesen werde.

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