Film

Anna Karenina verzaubert.

Joe Wright hat mit mir definitiv kein einfaches Publikum. Es ist ja nicht so also wäre ich für Anna Karenina nicht opferbereit gewesen: Ich war bereit, einen unangemessen hohen Preis für den Kinoeintritt zu bezahlen und drei Stunden meiner ohnehin schon viel zu knapp bemessenen Zeit in London zu opfern, um diesen Film zu sehen, der in Deutschland erst am 6. Dezember in die Kinos kommt. Dafür erwartete ich aber nichts anderes als pure Perfektion.

Und Joe Wright hat mich, wie Joe Wright eben so ist, schon wieder nicht enttäuscht. Ich weiß nicht, wie er das macht. Meine Erwartungen wachsen von Film zu Film ins Unermessliche und immer noch ist er in der Lage, mit seiner eigenen Entwicklung Schritt zu halten und sich selbst zu übertreffen. Es macht Anna Karenina zu einem noch größeren Genuss, wenn man den Film als eine Art Fortsetzung von Stolz und Vorurteil, Abbitte und Wer ist Hannah? betrachtet.

In Anna Karenina scheint Joe Wright den Vorsatz getroffen zu haben, alles anders zu machen. Dabei macht er allerdings nicht den Fehler, die Dinge zurückzulassen, die seine Filme zu guten Filmen machen. Wie schon in Abbitte und Stolz und Vorurteil verlässt er sich auf Keira Knightley und Matthew MacFadyen als starke Darsteller, Dario Marianelli als Komponisten des eindrucksvollen Soundtracks und Jacqueline Durran, die wieder einmal großartige Kostüme gezaubert hat. Auch Joe Wrights Markenzeichen – Hände, Stoffe, Sonnenaufgänge, sowie aufwändige Plansequenzen – kommen in Anna Karenina nicht zu kurz. Überhaupt ist der Film unmissverständlich von Joe Wrights Handschrift als Regisseur geprägt. Und dennoch kommt man in keiner Sekunde auf die Idee, er würde sich wiederholen.

Anna Karenina erzählt die Geschichte eines klassischen Romans wie sie noch nie erzählt wurde: Alle Handlungsstränge haben ihren Ausgangs- sowie Dreh- und Angelpunkt in einem Theater. Auf dessen Bühne finden die wichtigsten Szenen der russischen Aristokratie ihren Platz: Bälle, Pferderennen, Kongresssitzungen, aber auch Flaniermeilen und Eisbahnen, alles Orte des Sehen-und-Gesehen-Werdens. Die verborgenen Orte – Hinterzimmer, Seitenstraßen, Slums – finden sich im Schnürboden und auf den Seitenbühnen. Allein für die in diesem Fall unentbehrlichen russischen Landschaften verlassen die Charaktere das Theater, wie sie im Roman die Konventionen und Rollen der Gesellschaft zurücklassen, wenn sie sich aufs Land zurückziehen.

Es kommt einem Geniestreich gleich, Tolstois Gesellschaftsroman auf diese Art und Weise neu zu entschlüsseln, die Ebenen deutlich zu machen, auf denen die Charaktere sich bewegen, ihre Herkunft und ihre Motive offenzulegen. Tatsächlich hätte man auch jeden anderen Gesellschaftsroman des ausklingenden 19. Jahrhunderts in diese Mühle stecken können – man denke an Effi Briest oder Thackerays Vanity Fair – es wäre eine ähnlich plausible Rollenteilung daraus hervorgegangen. Joe Wright wählt Anna Karenina und die Charaktere nehmen diese neue Umgebung so dankbar an als wären sie dafür geschrieben worden.

Stepan Oblonski beispielsweise scheint für die Bühne geboren und Darsteller Matthew MacFadyen hat offensichtlich einen Heidenspaß daran, seine übliche Leidensmiene hinter einem großen Schnauzbart zu verstecken und ausnahmsweise die dankbare Rolle des Witzbolds und Lebemanns zu verkörpern – was ihm tadellos gelingt. Konstantin Ljewin hingegen blüht erst auf, sobald er die Bühne verlässt und in die Weiten der russischen Landschaft schreitet – wie im Roman, wo er sich in großer Gesellschaft nie wirklich wohlzufühlen scheint. Und Anna Karenina selbst? Die bewegt sich so fließend zwischen beiden Welten, dass es überhaupt nicht verwunderlich scheint, dass sie im Verlauf der Handlung die Orientierung und damit tragischerweise den Verstand verliert.

Ich könnte einen Roman über die Visualität dieses Films schreiben. Er ist wunderschön. Wer es gewohnt ist, Filme mangels eines DVD-Players auf dem Laptop zu gucken, kennt vielleicht das Phänomen des Screenshot-Fingers. Ich hatte während des gesamten Films ein Zucken im rechten Zeigefinger, weil ich instinktiv auf „Druck“ drücken wollte, um einen Screenshot zu speichern, den ich später als Desktophintergrund verwenden würde – bis mir einfiel, dass ich in einem Kino saß, das zwar mit Leoprint bezogene Sessel hatte, aber keine Screenshot-Taste.

Die grelle, leicht überschminkte Optik des Bourlevard-Theaters passt auf jeden Fall besser zu Joe Wrights Ästhetik, als ich es zunächst vermutet hätte. Vronski ist dafür das perfekte Beispiel. Aaron Taylor-Johnsons Vronski sieht aus wie Tschaikowskis Nussknacker entsprungen mit seinen Löckchen und seinem Schnurrbart und dem passend zu seinen Augen hellblauen Jäckchen und wäre theoretisch das perfekte Gegenstück zu Prinzessin Kitty, dem Porzellanpüppchen – aber das soll nunmal nicht sein. Anna hingegen trägt gern dunkle Farben, dunkelrot, schwarz, und verbirgt ihr Gesicht hinter Schleiern – nichts erklärt mehr die Aura des Geheimnisvollen und damit die Faszination, die für Vronski von ihr ausgeht.

Es kommt der Geschichte entgegen, dass man sie nicht in all ihrer emotionalen Hässlichkeit an sich herangetragen bekommt. In Joe Wrights Inszenierung hat man die Möglichkeit, sie durch das Loch im Guckkasten zu beobachten. Die Scheibe ist leicht beschlagen, alles ist ein bisschen staubig und die Optik grenzt an Kitsch, doch dem Gesamtbild verleiht das eine verzauberte Aura, eine bittersüße Schwere und gleichzeitig eine Leichtigkeit, die ein Epos von diesem Ausmaß „guckbar“ macht.

Es stimmt schon, dass die aufwändigen Bühnenaufbauten und die bis ins kleinste Detail auschoreographierten Transistionen zwischen den Szenen das Augenmerk nicht gerade auf die Handlung lenken. Tatsächlich zählen die visuell, choreographisch und musikalisch überbordenden Szenen aber zu den stärksten des Films. Diese Shots haben geradezu hypnotische Qualität und ich erinnere mich, minutenlang mit hängender Kinnlade (vielleicht sogar sabbernd) auf die Leinwand gestarrt zu haben, vollkommen überwältigt von der Schönheit dessen, was sich mir dort dargeboten hat, während handlungstechnisch überhaupt nichts passiert ist.

So sehr Anna Karenina in diesen Szenen überzeugt, so sehr schwächelt der Film wenn das dramatische Drumherum zugunsten der Handlung zurückgenommen wird und das Augenmerk allein auf den Dialogen liegt. Diese fallen das ein oder andere Mal als extrem floskelhaft auf – was ich den Bourlevardtheateraspekt der Inszenierung zuschreibe und nicht dem Drehbuchautoren, denn ich glaube an das Gute im Menschen. In Jude Laws Fall ist das auch gar kein Problem. Der spielt den in seinen Konventionen gefangenen Ehemann Annas so überzeugend kontrolliert, dass seine gestelzte Ausdrucksweise nur dazu beiträgt, dass man ihn nicht nur widerlich findet, sondern auch ein bisschen bemitleidenswert. Allein Keira Knightley konnte mich nicht auf ganzer Linie überzeugen. Zwar hat sie durchaus ihre brillianten Momente, in denen Joe Wright sich vollkommen zu Recht auf ihr Talent verlassen hat, jedoch hat sie es nicht geschafft, zu „meiner“ Anna zu werden. Ich weiß noch nicht mal, ob das tatsächlich an Keira Knightley als Schauspielerin liegt. Vielleicht liegt es einfach daran, dass diese Anna nicht sympathisch ist, obwohl ich sie so gerne sympathisch fände.

Alles in allem kann ich euch, liebe Leser, aber nur beschwören, diesen Film anzusehen. Alle Mägel und teilweise beunruhigend negativen Kritiken außer Acht zu lassen und diesen Film anzusehen. Denn das ist das, worum es bei diesem Film geht. In anzusehen. Nicht darum, ihn zu verstehen, nicht darum, kluge Dinge daraus mitzunehmen. Es geht darum, ihn anzusehen – und sich verzaubern zu lassen.

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