Film

Die Kunst, ein Publikum zum Weinen zu bringen.

Das Semester hat gerade begonnen, ich freue mich insbesondere auf mein Quentin-Tarantino-Seminar. Darin werde ich unter anderem lernen, journalistische Filmkritiken zu verfassen. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Bis es so weit ist, bleibe ich bei meinen ganz und gar amateurhaften Filmgedanken und da ich gerade in einer melancholischen Phase bin (ich hatte mehrere nicht so schöne Abende mit The Casual Vacancy und bin gerade sowieso JK-Rowling-nostalgisch, aber das nur am Rande), rede ich heute über traurige Filme.

Dem populären Mythos, dass es einfacher sei, ein Publikum zum Weinen zu bringen als zum Lachen, möchte ich an dieser Stelle widersprechen. Gut, man kann den einen Charakter umbringen und dem anderen ein paar Sätze gewürzt mit den Worten „ewig“, „niemals“ und „Liebe“ in den Mund legen und dazu die Musik aufdrehen, ja. Kann man machen. Und sicherlich wird dabei auch das ein oder andere Tränchen fließen.

Aber den Zuschauer echten, tieftraurigen Schmerz fühlen zu lassen, dafür braucht es etwas mehr. Gestern Abend habe ich mit meiner Filmcrew Third Star gesehen. Es wird höchste Zeit, dass ich über diesen Film rede. Es war bereits mein drittes Mal. Während das erste Mal mich am Boden zerstört und absolut sprachlos zurückließ (und mit dem Gedanken, dass ich diesen Film nie, nie, nie wieder sehen will, weil er zu traurig ist), hat mich das zweite Mal mit ihm versöhnt. Und jetzt, nach dem dritten Mal, bin ich bereit, darüber zu reden.

Man könnte meinen, Third Star sei ein typischer Krebsfilm. Weil James bald sterben wird, raufen sich seine drei besten Freunde zusammen und wandern mit ihm ein letztes Mal zur Barafundle Bay, James‘ Lieblingsort. Natürlich geraten die Freunde, einander in Jahren der Trennung fremd geworden, aneinander, natürlich stoßen sie in Anbetracht von James‘ Krankheit an psychische und physische Grenzen. So weit, so typisch.

Was den Film meiner Meinung nach so außergewöhnlich macht, ist nicht etwa die (bis an einen gewissen Punkt) ziemlich vorhersehbare Handlung, sondern das Gefühl für Stimmungen, das die Regisseurin Hattie Dalton in ihrem Erstlingswerk unter Beweis stellt. Die fröhliche Atmosphäre unter den Freunden schlägt von einer Sekunde auf die andere in Anspannung um. Der Film hat eine fragile Leichtigkeit, ohne oberflächlich zu bleiben, was zu großen Teilen den fantastischen Darstellern geschuldet ist, allen voran Benedict Cumberbatch, den ich in diesem Blog schon zu viel gelobt habe, der hier aber ein weiteres Mal sein grenzenloses Talent unter Beweis stellt. Als James ist er zwar die Zerbrechlichkeit in Person, gibt dem Charakter aber gleichzeitig eine Energie und eine Würde, die in diesem Stadium seiner Krankheit mit Sicherheit nicht selbstverständlich ist.

Darüber hinaus – und ihr wisst, wie leicht mich sowas ködert – sieht Third Star einfach unheimlich gut aus. Ausgeblichene Strandfarben, das raue Wetter von Südwales im Herbst, Miles‘ toller Pullover, random horses, Möwen im Wind und Hugh Bonneville in einem kurzen, aber unvergesslichen Cameo als philosophischer Treibgutsammler in sehr kurzen Jeans (was weniger ästhetisch als amüsant ist…) machen Third Star absolut sehenswert.

Ach ja, und habe ich erwähnt: Man wird weinen. Und unter Tränen lächeln. Das ist das, was Third Star mit seinem Zuschauer macht, ich habe es dreimal im Selbstversuch getestet. Und ich glaube nicht, dass es schwieriger ist, ein Publikum zum Lachen zu bringen. Am letzten Wochenende reichte dazu ein nächtens von meinen Kommilitonen verfasstes Theaterstück ohne Handlung und mit viel Fäkalhumor. (Auch das hätte mich fast zum Weinen gebracht, aber das ist eine andere Geschichte).

 

 

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8 Kommentare zu “Die Kunst, ein Publikum zum Weinen zu bringen.

  1. Die Farben, die Du ansprichst, sind mir von diesem Film auch besonders im Gedächtnis geblieben…..und die Gruppendynamik des Hauptcasts, die mir so wahnsinnig gut gefallen hat.

  2. Aber nicht dass Dir die ganzen journalistischen Kriterien nachher den Stil entpersönlichen 😉
    Dieser Film ist völlig an mir vorbeigegangen, und jetzt bin ich hin und hergerissen: Einerseits möchte ich ihn sehr, sehr gerne gucken, andererseits trau ich mich nicht. Ich hab mich schon um wie-heißt-er-noch-gleich-der-film-mit-emile-hirsch-im-eis ewig gedrückt (und drücke mich noch immer um die letzte halbe Stunde).

  3. Ui, also wenn du dich um die letzte halbe Stunde von Third Star drückst, ist der Film eigentlich ein fröhliches Roadmovie unter etwas problembeladenen Freunden. Allerdings verpasst du dann auch einen der meiner Meinung nach besten letzten Sätze aller Zeiten (der dem Ganzen doch noch einen ziemlich positiven Anstrich verleiht… naja, zumindest finde ich das nach dem dritten Mal…). Also, ich empfehle viel Schokolade, Plüschtiere und/oder Freunde zum Kuscheln, Tee und Taschentücher. 🙂

  4. Bin eher zufällig hier gelandet und bei dem Third Star-Posting hängen geblieben. Ich hab den Film letzten Sommer im Rahmen meiner „Was-hat-BC-sonst-noch-so-alles-gemacht“-Erkundungstour angesehen und war kein bisschen auf das vorbereitet, was mich da erwartete. Bereits zu Beginn kam das ungute Gefühl auf, dass das möglicherweise ein Film sein könnte, bei dem die traurigen Elemente überwiegen. Je weiter die Zeit fortgeschritten ist, desto mehr sah ich mich in der Auffassung bestätigt. Jedenfalls find ich es bewunderswert, wenn du schreibst, dass du ihn mittlerweile mehrmals gesehen hast, denn ich kann das immer noch nicht… Dauert wohl einfach noch eine Weile. Natürlich hängt er mir nicht mehr so nach wie kurz nach dem Anschauen, allerdings sträubt sich etwas dagegen, das noch mal zu wiederholen. Jedoch machen deine Worte Hoffnung, dass genau das möglich ist, ohne es noch zu verschlimmern 😉

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