Film

Wiederauferstehung geglückt.

Nebenan läuft gerade Adeles Song Skyfall – Titelsong für den aktuellen James Bond – und das aus gutem Grund: Nachdem meine geschätzte Mitbewohnerin den Film letzen Freitag ohne mich gesehen hat, hat sie mich heute Abend in die OmU-Version geschleppt, mit keinem geringerem Versprechen als dem absoluter Perfektion. Ich vermute, sie feiert gerade ihren Sieg, denn schon wieder hat sie bewiesen, dass sie meinen Geschmack besser kennt als ich.

Der neue Bond ist episch. So episch wie Adeles Song. Er schwelgt in Bildern, Farben, Anspielungen auf die eigene Geschichte, sogar in Selbstironie schwelgt er – ich wusste auch nicht, dass das möglich ist. Bis heute Abend. Daniel Craig schlüpft zum dritten Mal in die Rolle des legendären Agenten, aber dieses Mal löst er sich, anders als in Quantum of Solance von seiner Ursprungsgeschichte in Casino Royale und wandelt auf neuen Pfaden.

Das Ganze beginnt mit Bonds Tod und seiner Wiederauferstehung – ein Motiv, das in diesem Film zum Programm geworden ist. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass dieser Bond ein anderer ist, als der, den wir bisher von Craig kannten. Vielleicht einer, der sich der Rolle, die er zu spielen gewohnt ist, etwas zu bewusst geworden ist. Natürlich spielt er, wie immer, gekonnt die Karte des Charmeurs aus, zeigt was er kann, ist einfach in jeder Situation unglaublich cool – und doch scheint die Fassade zu bröckeln.

Überhaupt bröckelt vieles in diesem Bond. So scheint Adeles Refrain „Let the sky fall when it crumbles“ schon fast etwas Programmatisches zu haben. Von einer holprigen Dramaturgie soll hier gar nicht die Rede sein – sondern von der Situation, in der sich die Handlung des Films entfaltet. Das MI6 steht auf der Kippe: Bond ist eigentlich nicht mehr zum Außeneinsatz befähigt, M soll in den Ruhestand versetzt werden und dann taucht auch noch ein Irrer auf, der den Geheimdienst von innen zu zerstören versucht. Wundersamerweise wird Bond vor diesem Hintergrund allerdings vom einsamen Wolf zum Teamkämpfer. Er akzeptiert – wenn auch widerwillig – die Hilfe des wunderbar jungenhaft-nerdigen Q und seine Beziehung zu M entwickelt eine Tiefe, die weit über die gelegentlichen liebevoll-bissigen Bemerkungen in den vorhergehenden Teilen hinausgeht. Was das Drehbuch angeht könnte ich also nicht glücklicher sein. Einen Bond-Film mit character development, tiefgehenden emotionalen Beziehungen und vor allem einer Backstory für den Helden findet man nicht alle Tage.

Und können wir kurz über den Bösewicht reden? Silva ist Bond Gone Bad, das böse Spiegelbild des Helden, und ja, das mochte ich in Spiderman und das mag ich in Sherlock und Doctor Who und natürlich mag ich das auch bei James Bond. Neu ist die Idee nicht, aber ihre Effektivität lässt sich nicht leugnen, vor allem weil Javier Bardem sich mit einer Spielfreude auf die Rolle stürzt, die jegliches Klischee im Konzept vergessen macht. Allein für seine schamlosen Flirtversuche (und die beste und einzig richtige Reaktion Bonds darauf, die ich an dieser Stelle nicht spoilern will, auf die das Publikum allerdings mit spontanem Applaus reagierte) muss man ihn einfach lieben – und zwar nicht so, wie man Loki aus The Avengers liebt, weil er so missverstanden und außerdem gutaussehend ist, sondern so, wie man einen Moriarty oder einen Hans Landa liebt: Aus purer Faszination an der Abscheulichkeit seines Charakters.

Aber auch visuell ist Skyfall ein Fest. Allein der Vorspann, der den klassischen 60er-Vorspann mit seinen Schattenriss-Montagen und fallenden Figuren auf eine ganz neue Ebene hebt, ist einen Kinobesuch wert. Darüber hinaus sind die Farbgebung und die Beleuchtung grandios. Als Bond beispielsweise mit dem alten, silbernen Aston Martin (ein Raunen ging durch die Menge) einen Trip „in die Vergangenheit“ unternimmt, findet man sich im nächsten Shot im sepiafarbenen Schottland wieder, wo sich der Showdown am Schauplatz von Bonds Kindheit abspielt: Dem heruntergekommenen Landsitz Skyfall. Bonds Vergangenheit wird nicht nur in der Handlung aufgerollt: Geschickt eingebaute 60er-Jahre-Details (man beachte Qs Brille)  und Anspielungen auf die früheren Bonds deuten darauf hin, dass bei diesem Bond Liebhaber am Werk waren. Liebhaber, die offensichtlich der Versuchung des Pathos widerstehen konnten und stattdessen einen wahrhaft klassischen, wenn auch niemals angestaubt wirkenden Bond zum Leben erweckt haben. Geschickt werden die Klippen des Kitsch umschifft und trotzdem hatte ich beim finalen Showdown ein Tränchen im Auge. Etwas, das mir bei einem Bond-Film auch noch nicht passiert ist.

Was soll ich noch groß sagen, dieser Film lohnt sich. Er ist genug Bond für Liebhaber und zugänglich genug für Neueinsteiger, er macht Spaß, er nimmt mit, er fesselt tatsächlich über die gesamte enorme Länge von fast zweieinhalb Stunden. Ich glaube, ich bin fast ein bisschen verliebt. Anders kann ich mir das irre Grinsen auf meinem Gesicht nicht erklären.

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