Film

Ganz schön brutal.*

Nach zwei Stunden und zwanzig Minuten Inglourious Basterds habe ich Quentin Tarantino verstanden. Gerade noch kniete Shoshanna neben Frederick Zoller, auf den sie soeben geschossen hatte, er atmete noch, sie berührte sanft seine Schulter – ist das Reue? Da rollte er sich auf den Rücken und jagte ihr eine Kugel in die Bauchhöhle. Ohne dass die romantische Musik abreißen würde sehe ich Shoshanna zu Boden sinken, überall spritzt Blut, sie schreit, sie stirbt. Ich habe begriffen. Kein Platz für Romanzen bei Tarantino. Eigentlich bin ich nicht überrascht.

Inglourious Basterds ist mein erster Tarantino und ich habe offensichtlich noch viel zu lernen. So sitze ich während der ganzen ersten Szene, dem brillanten Dialog zwischen Hans Landa und Monsieur LaPadite, verkrampft in meinem Sessel, die Finger nur zentimeterweit von meinen Ohren entfernt, weil ich erwarte, dass jeden Augenblick etwas in die Luft fliegt. Was ich noch nicht weiß: Schnödes In-die-Luft-jagen entspricht nicht Tarantinos Stil. Als schließlich eine Gruppe SS-Soldaten LaPadites Fußboden, unter dem sich eine jüdische Familie versteckt hält, mit Maschinengewehren durchsiebt, ist der Höhepunkt der Szene längst überschritten. Erschrecken muss sich da niemand mehr. Ich hatte Schlimmeres erwartet.

Als ich mir eine Kinokarte für Inglourious Basterds kaufte, geschah das, obwohl es sich dabei um einen Tarantino-Film handelt. Mit Tarantino assoziierte ich zu diesem Zeitpunkt vor allem das Bild einer spärlich bekleideten Frau, die an Stelle ihres linken Unterschenkels ein Maschinengewehr trägt. Erst später fand ich heraus, dass es sich dabei um Robert Rodriguez‘ Segment von Grindhouse handelt, einem Double-Feature mit Tarantinos Death Proof, aber an meinen Vorurteilen änderte das nichts. Ich nehme mir vor, die Gewaltexzesse zu ignorieren, um Christoph Waltz‘ hochgelobte Performance als Hans Landa genießen zu können und entdecke noch innerhalb der ersten halben Stunde ganz neue Seiten an mir. Beim ersten Skalp schaue ich noch weg aber spätestens als der Bärenjude mit seinem Baseballschläger auftaucht, habe ich jegliche Zimperlichkeit überwunden. Die Gewalt bei Tarantino  verfolgt offensichtlich nicht das Ziel, mich anzuekeln oder zu erschrecken, sonst hätte sie es geschafft. Sie ist einfach da. Und, geben wir es doch zu, irgendwie hat sie auch ihre ganz eigene Form der Ästhetik. Langsam entwickele ich ein gewisses Misstrauen gegenüber den Leuten, die mit dem Finger auf Tarantino zeigen, weil seine Filme schockierend brutal seien. Ich sitze in einem vollen Kino und niemand wirkt sonderlich schockiert. Noch nicht mal ich. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, der Film sei gewaltverherrlichend oder gefährlich. Zu keinem Zeitpunkt behandelt Tarantino die Gewalt als das große Übel, das ist richtig, aber er behandelt sie auch nicht wie den einzig richtigen Weg. Oft ist sie jedoch der einzig mögliche Ausgang der Situation – was eine ganz eigene Form der Suspense zur Folge hat. Die geschliffenen Dialoge gewinnen gerade dann an Spannung dazu, wenn man weiß, dass die Situation höchstwahrscheinlich in einem Blutbad enden wird – und dennoch hofft man, es ließe sich irgendwie umgehen.

Blut und Gewalt sind für mich normalerweise ein Grund, mir einen Film nicht anzusehen. Trotzdem gewinnt mich Inglourious Basterds im Sturm. Auch filmisch überzeugt er mich auf ganzer Linie. Ohne in der Trash-Welt, auf die Tarantino sich über weite Strecken bezieht, sonderlich bewandert zu sein, erkenne ich, was er mir sagen will: Du willst großes Kino machen? Dann habe keine Angst davor, es zu übertreiben.

Und so sitze ich zweieinhalb Stunden in meinem Sessel und grinse während ich zusehe, wie Tarantino zu dick aufträgt. Sie könnten billig wirken, diese Einblendungen, Montagen, Rückblenden und andere Sperenzchen, simple Kopien von dem, was andere vorher gemacht haben, aber so zusammengestellt wirken sie wie eine Liebeserklärung an das Kino – und das funktioniert in einem Film, in dem das Kino zuletzt sogar das Dritte Reich zu Fall bringt, hervorragend. Man könnte behaupten, Tarantinos Genie spiele dabei auch eine gewisse Rolle. Vielleicht ist es aber auch nur das unverschämte Selbstbewusstsein, mit dem Tarantino uns seine Filme vorsetzt, das uns vergessen lässt, dass er eigentlich nur bekannte Versatzstücke neu komponiert. Mit mehr Blut, versteht sich.

Wenigstens weiß ich jetzt, dass meine Altersgenossen, die bei jeder Erwähnung von Tarantino zu wahren Begeisterungsstürmen fähig sind, keine gewaltverherrlichenden Idioten sind. Sie haben lediglich den Reiz seiner Filme entdeckt, dem man sich, wie ich jetzt weiß, nur schwer entziehen kann. In Zukunft werde ich auf Partys also nicht mehr die Stirn runzeln, wenn jemand leicht angetrunken „diese eine Szene aus Pulp Fiction“ lobpreist. Ich werde wissend lächeln und nicken, denn jetzt bin ich eine von ihnen.

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*Dieser Artikel entstand im Zuge meines Tarantino-Seminars, weil ich auch dort der Einfachheit halber in Blogform schreibe. Deshalb ist er geringfügig redigiert und außerdem ist die Überschrift nicht von mir, sondern von einem Kommilitonen namens Viktor. Danke dafür.

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