Film

Junge Junge.

Oh Boy ist eine der seltenen Komödien, die mich trauriger zurücklassen als ich es vorher war. Einerseits liegt das natürlich daran, dass die 83 Minuten viel zu schnell vergehen. Und dann, wenn man sich im plötzlich wieder hellen Kinosaal wiederfindet, dem Abspannsong von Get Well Soon lauschend, stellt sich plötzlich eine Melancholie ein, die während des Films nur in Untertönen zu spüren war.

Eigentlich sind die Situationen, in die der charmante Mittzwanziger Niko Fischer im Laufe des Films stolpert, nämlich unheimlich traurig. Da ist die Begegnung mit seinem etwas zu mitteilungsbedürftigen Nachbarn, dessen Frau an Brustkrebs leidet, da ist Julika, die früher wegen ihres Übergewichts gemobbt wurde, da ist der gescheiterte Schauspieler Matze und die Oma eines jugendlichen Drogendealers. Was dem Film trotz allem eine beflügelnde Komik verleiht, ist Nikos allzu verständliche Haltung angesichts dieser menschlichen Tragödien – wie er sich zunächst zu entziehen versucht, am Ende aber doch immer wieder in die Rolle des Trösters rutscht. Das alles wirkt unglaublich echt, man erkennt sich wieder – was nicht zuletzt dem großartigen Spiel von Tom Schilling zu verdanken ist.

Niko Fischer könnte ein solcher Unsympath sein. Er könnte ein opportunistischer Tagedieb sein, ein charmanter Speichellecker, der seine Chancen verspielt hat und nun auf Kosten Anderer lebt. Und eigentlich ist er all das auch. Trotzdem kann man, dem von Regisseur Jan-Ole Gerster feinfühlig verfassten Drehbuch sei Dank, nicht umhin, ihn trotzdem irgendwie zu mögen. Und die meiste Zeit sitzt man dabei und denkt: „Oh Boy, jetzt krieg dein Leben mal in den Griff…“

Ich als Studentin entdecke mich in seiner Situation vollkommen wieder. Peinliche Begegnungen mit ehemaligen Klassenkameraden sind mir ebenso bekannt wie pseudo-avantgardistisches Therapie-Theater, genauso Orientierungs- und Antriebslosigkeit gegenüber den mannigfachen Möglichkeiten, die sich einem Abiturienten heutzutage bieten. Insofern sehe ich Oh Boy vor allem als extrem treffendes Bild meiner Generation. In Teilen sogar erschreckend treffend. Sind wir die liebenswerten Speichellecker? Die gescheiterten Schauspieler? Sind wir das ehemals dicke Mädchen?

Julika ist in Oh Boy die Figur, die mich vielleicht am traurigsten macht. Hervorragend geschrieben und gespielt wie sie ist, ist sie (leider) das perfekte Beispiel für eine ganze Generation an Mittzwanzigern, die um mich herum heranwächst. Menschen mit einem enormen Bewusstsein für die eigene Fehlerhaftigkeit. In den Spiegel sehen zu können und sagen zu können: Ich bin jetzt therapiert, ich bin jetzt ein besserer Mensch – ist das nicht eine traurige Errungenschaft für eine junge Generation? Besser als was will man mit fünfundzwanzig denn sein? Besser als das Kind, das man mal war? Dazu kommt, dass diese Menschen krampfhaft nach den Regeln ihres neuen, besseren Lebens zu leben versuchen – wohin das führt, lässt sich an der leicht übergeschnappten Julika hervorragend erkennen.

Wegen Figuren wie dieser ist Oh Boy allerdings auch immer wieder urkomisch – und ungewöhnlich wahrhaftig. So eine gelungene Balance zwischen Komödie und Ernsthaftigkeit habe ich im Kino schon lange nicht mehr erlebt. Dass das Ganze sich auch noch in wirklich stimmungsvollen Schwarzweißbildern abspielt, lässt endgültig daran zweifeln, dass es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt. Herr Gerster hat mich damit definitiv überzeugt. Das ist ein Film, der sich bestimmt in nicht allzulanger Zeit in meiner DVD-Sammlung wiederfinden wird.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s