Film

Der Hobbit, jetzt in groß.

Der Hobbit ist für mich in erster Linie eine nostalgische Angelegenheit. Tatsächlich könnte ich behaupten, hier schließe sich der Kreis: Meine Cinephilie begann mit dem Besuch des dritten Teils des Herrn der Ringe, damals war ich elf, heute sitze ich im Hobbit, bin zwar zwanzig, benehme mich aber nicht so. Als der Vorspann beginnt und – natürlich – Howard Shores Hobbit-Thema einsetzt, bin ich gerührt. Sehr. Außerdem hüpfe ich in meinem Sessel auf und ab. Ich habe eineinhalb Jahre auf diesen Moment gewartet.

Ich werde etwas Zeit und eine ganze Menge Worte brauchen um zu schildern, was danach geschah. Denn so sehr mich das Ereignis auch mitgerissen hat – es gibt ein oder zwei Kritikpunkte, über die ich mich etwas ausführlicher äußern möchte, das hat ein Film von diesem Ausmaß verdient. Zunächst aber lasst euch gesagt sein: Der Hobbit erfüllte meine Erwartungen vollkommen. Allerdings hatte ich auch gewisse Schwächen erwartet.

Peter Jackson startet mit seinem Epos den unmöglichen Versuch der perfekten Literaturverfilmung. Er hält sich minutiös an die Vorlage und übernimmt ganze Dialogpassagen bis ins kleinste Detail. Erzähltechnisch ist dieser Film fast ein Rückschritt: Ich habe lange keinen Film mehr gesehen, der sich mit seiner Geschichte so viel Zeit lässt. Im Vorfeld wurde schon genug darüber diskutiert, dass es unmöglich sei, ein Werk von 300 Seiten in drei Filme mit Überlänge zu übertragen, wenn Peter Jackson allerdings in dem Tempo weitererzählt, wird ihm der Stoff wohl nicht ausgehen. Ich als Fan des Originals kann mich darüber beim besten Willen nicht beschweren. Zu oft dachte ich beim Lesen des Buchs wehmütig daran, dass es diese oder jene Szene wohl nur in stark gekürzter Fassung in den Film schaffen würde, wenn überhaupt. Von Literaturverfilmungen wie Harry Potter geschult, konnte ich gar nichts anders erwarten als eine Einschmelzung der Vorlage auf ihre essenziellen Szenen, wobei viele nette, aber für die Haupthandlung nicht tragende Momente der Schere zum Opfer fallen würden. Peter Jackson macht allerdings schon während der ersten Minuten deutlich, dass er keine Kompromisse eingehen wird – und entscheidet sich beim Schnitt in vielen Fällen zugunsten der kleinen Momente. Das ist für Liebhaber natürlich wunderbar – für den durchschnittlichen Kinobesucher aber zumindest ungewohnt.

Gleichzeitig versucht Jackson, die Erwartungen der Herr-der-Ringe-Fans und die Ansprüche eines modernen Kinopublikums zu erfüllen, die vor allem ein cinematographisches Großereignis erwarten. Das hat zu Folge, dass die wenigen actionreichen Sequezen der ersten Hälfte des Buchs bis an den Rand der Absurdität aufgebauscht werden. So gibt es nicht nur die Kampfszene in den Hallen des Trollkönigs, sondern auch zwei Schlachten mit Orks und Wargen, eine mit Trollen, die um ein Haar im Kochtopf endet und dann noch eine recht sinnfreie Szene, in der die Zwerge versehentlich in den Kampf zweier Steinriesen geraten, und da sind die Kriegsszenen aus den Rückblenden noch gar nicht dabei.

Deutlich für den Film dramatisierte Actionsequenzen wie diese reiben sich unschön mit dem Versuch Jacksons, das Buch so originalgetreu wie möglich zu erzählen. Das ist eine Stelle, an der der Film viel von seiner Überzeugungskraft einbüßt – aber er gewinnt dadurch natürlich auch an Spannung und Dynamik. Und, seien wir doch ehrlich, irgendwie können wir Peter Jackson auch verstehen: Er scheint mit diesem Werk alle Mängel im Herrn der Ringe wettmachen zu wollen. Die Einführung des im Tolkien-Universum kaum beschriebenen Zaubererkollegen von Gandalf, Radagast, kommt sogar einer persönlichen Entschuldigung an diejenigen Fans gleich, die sich im ersten Herr-der-Ringe-Film über das Fehlen des beliebten Charakters Tom Bombadil beschwert hatten. Auf diese Art und Weise bekommen sie endlich ihren Waldwicht, wenn auch unter anderem Namen.

Alle dramaturgischen Mängel ändern aber nichts an der Tatsache, dass Der Hobbit über weite Strecken einfach atemberaubend ist. Rein optisch, natürlich, versteht es Peter Jackson doch wie kein anderer, die Landschaft Neuseelands in Szene zu setzen, aber auch sonst lässt der Film keine Sekunde lang daran zweifeln, dass Peter Jackson hier nur die Besten der Besten in seinem Team vereint hat: Maske und Ausstattung, Special Effects, Kamera, Ton, Musik, Schnitt – bis hin zu den Schauspielern. Obwohl Martin Freeman als der Hobbit weniger Raum bekommt, als ich es mir von einem Film mit dem Titel Der Hobbit gewünscht hätte, lässt er keine Sekunde lang daran zweifeln, dass Peter Jackson Recht daran tat, die gesamte Produktion nach hinten zu verschieben, nur um ihn in der Hauptrolle casten zu können. Wäre sein Bilbo nicht so sympathisch, hätte Jacksons problematische Mischung aus Literaturverfilmung und Actionfilm schnell nach hinten losgehen können. Martin Freeman jedoch trägt den Film über weite Strecken mit Bravour, unterstützt durch starke Nebendarsteller wie Richard Armitage als Thorin Eichenschild und Ian McKellen als Gandalf. Irgendwer schrieb mal über Martin Freeman, er habe die seltene Gabe, durch sein Spiel gewöhnliche Menschen in alltäglichen Situationen außergewöhnlich werden zu lassen – und das trifft in diesem Fall vollkommen zu.

Alles in allem ist Der Hobbit ein Film, der nahtlos an die drei Herr-der-Ringe-Filme anknüpfen kann, ein echter Peter Jackson eben. Ob er der beste Film des Jahres ist, wage ich zu bezweifeln. Der größte ist er mit Sicherheit. Und es lässt sich auch mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass er bei den Oscars 2013 abräumen wird wie kein anderer, und zwar vor allem in den technischen Kategorien. Die Leute werden weiterhin in Massen in die Kinos pilgern und sich danach darüber beschweren, dass der dritte Teil pure Geldmacherei sei. Und dennoch: Wenn die Welt am Freitag nicht untergeht, stehen wir nächstes Jahr um diese Zeit alle wieder da und freuen uns wie die Schneekönige wenn sich der Vorhang für den zweiten Hobbit hebt. Denn so sehr er auch übertreibt, irgendwie tut Peter Jackson ja nur, was wir von ihm verlangen.

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