Bücher

Erst langsam, dann Hals über Kopf.

„Mama, ich habe das Buch gelesen, das du mir zu Weihnachten geschenkt hast.“
„Und?“
„Ich habe noch nie so geweint.“

Meine Mutter war, zugegebenermaßen, ein bisschen entsetzt. Bis ich ihr erklärte, dass das überhaupt nicht gegen besagtes Buch spricht. Ganz im Gegenteil. Die Rede ist von John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Das (laut dem amerikanischen Magazin TIME) beste Buch des Jahres zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man in der einen Minute Rotz und Wasser heult und in der anderen neuen Lebensmut fasst. Diese Eigenschaft haben bestimmt einige Krebsbücher, dennoch ist die Geschichte der sechzehnjährigen Hazel Grace Lancaster eine ganz besondere.

Das liegt nicht an der Tatsache, dass sie sich zu Beginn des Buchs in den unwiderstehlichen, wenn auch einbeinigen, Augustus Waters verliebt, auch nicht daran, dass sie ihrer Krankheit mit einer lakonischen, aber deshalb nicht weniger kraftvollen Einstellung entgegentritt. Denn auch das findet sich in den typischen Krebsromanen. Was Das Schicksal ist ein mieser Verräter so besonders macht, ist die Tatsache, dass es ein Jugendbuch ist. Und zwar keines aus der „Das echte Leben ist krass hart„-Reihe, sondern eins, das ganz wahrhaftig ans Herz geht – und seine Leser, Jugendliche wie Erwachsene – herausfordert. Denn anstatt sich allein sprachlich auf das Niveau seiner Teenager-Leser hinabzubegeben, schreibt John Green darüber, was es heißt, ein sechzehnjähriges Mädchen zu sein – und das so wahrhaftig, dass man fast glauben möchte, er wäre selbst einmal eines gewesen.

Dass John Green weiß, wie Teenager ticken, stellt er in seinen youtube-Videos unter Beweis, wo er nicht nur gängige Schullektüren mit ansteckender Begeisterung auf ihren Kern hinunterbricht (z. B. The Great Gatsby), über die Vorzüge des Nerdseins plaudert oder drängende Fragen der Heranwachsenden beantwortet (z. B. Was fange ich mit meiner Zukunft an?), sondern sich gelegentlich auch einfach mal das Gesicht mit Filzstift anmalt. Nicht umsonst gründete er gemeinsam mit seinem Bruder Hank die Initiative DFTBA („Don’t Forget To Be Awesome“), innehalb derer sich Nerds aller Arten austauschen, weniger allein fühlen und außerdem für wohltätige Zwecke engagieren können. Sein Roman ist bestimmt durch die enge Zusammenarbeit mit internationalen Teenagern beeinflusst worden, mit Sicherheit aber dadurch, dass er offensichtlich selbst noch nicht so ganz erwachsen geworden ist. Demetsprechend sind die Gedankenspiele und Formulierungen, die die Charaktere in Das Schicksal ist ein mieser Verräter äußern, auch weniger die von tatsächlichen Teenagern, sondern die eines nicht ganz erwachsenen Mitt-Dreißigers, aber wer weiß, vielleicht macht einen das Leben mit einer tödlichen Krankheit ja tatsächlich so weise, so fatalistisch und so wortgewandt, wie John Green es uns weismachen möchte.

Im Übrigen ist das auch gar kein Problem, denn es ist nicht so, als würden Hazel und Augustus uns, die Leser, je hinter sich zurücklassen, wenn sie sich in ihre theologischen und philosophischen Gedankenspiele verstricken. Im Gegenteil. Wir sind immer mit dabei, und das ist ein weiterer Punkt, der Das Schicksal ist ein mieser Verräter so besonders macht: Endlich ein Jugendbuch, das nicht nur seine Charaktere ernst nimmt, sondern auch seine Leser. Natürlich ist die Realität, die John Green beschreibt, eine fürchterliche, aber es spricht für seine Qualität als Autor und Teenager-Versteher, dass er seine Leser weder schont noch vertröstet. Das Schicksal ist ein mieser Verräter bringt es fertig, gleichzeitig ein tieftrauriges und lebensbejahendes Buch zu sein, märchenhaft und wahrhaftig, ernst und wahnsinnig komisch. Ein buchstäblich (und ich meine tatsächlich „buchstäblich“, fragt Augustus Waters) wundervoller Roman, in den man sich verliebt, wie Hazel in Augustus: Erst langsam, dann Hals über Kopf.

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Ein Kommentar zu “Erst langsam, dann Hals über Kopf.

  1. Meine Mutter hat mir genau dieses Buch auch zu Weihnachten geschenkt … schenken wollen, sollte ich sagen, da sie vergessen hatte, dass ich es natürlich bereits in Englisch gekauft und verschlungen hatte. Hab ziemlich geheult.

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