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Candyland ist abgebrannt.

Man redet wieder über Tarantino. Und das zu Recht. Sein jüngstes Werk Django Unchained polarisiert in den USA, wie es Inglourious Basterds in Europa tat, und dieses Mal sind wir diejenigen, die sich zurücklehnen und genießen dürfen, ohne sich zu fragen, wie viel historische Freiheiten sich ein Regisseur nehmen darf, bevor er politisch inkorrekt wird. Denn anders als der Nationalsozialismus war die Sklaverei in den Südstaaten der USA nicht unser Problem.

Nicht dass Tarantino jemals besonders politisch korrekt gewesen wäre. Zwar hält er sich in seinen beiden jüngsten Filmen strikt auf der Seite der „Guten“ – aber selbst wenn man, wie in Inglourious Basterds, mit Wonne zusieht, wie ein amerikanischer Jude Adolf Hitler mit einer Maschinenpistole in kleinste Teile zerfetzt, nagt im Hintergrund doch immer noch das deutsche Gewissen: Darf man sowas zeigen? Wird damit nicht mit Sicherheit irgendjemand beleidigt, irgendeines Menschen Leiden oder eines Diktators Grausamkeit bagatellisiert?

Ich bin nicht hier um diese Frage zu beantworten. In Django Unchained sind es nicht wir, die sich mit ihrer unschönen Vergangenheit auseinandersetzen müssen. Stattdessen sind es die Amerikaner und, ohne zur Schadenfreude ermutigen zu wollen, irgendwie macht das mehr Spaß. Und das ist bei Tarantino die Hauptsache. Das, und seine Liebe zum Zitat. Wo Inglourious Basterds sich noch mit Ennio-Morricone-Soundtrack an den Italo-Western anlehnte, da wird in Django Unchained nichts mehr irgendwo angelehnt, sondern wenn überhaupt eine Überdosis verabreicht.

Tarantino versteht es wie kein zweiter, uns mit an Dreistigkeit grenzendem Selbstbewusstsein gigantische Bilder vorzusetzen und diese mit einem liebevoll ausgewählten Soundtrack sofort wieder ironisch zu brechen. Die Grenze zwischen Leichen pflastern seinen Weg und Der Schuh des Manitu verläuft in diesem Fall fließend. Dr. King Schultz (Christoph Waltz) und sein Kumpane Django (Jamie Foxx) haben sogar jeweils ihren eigenen Titelsong – entliehen, ebenso wie ihre Namen, aus Klassikern der Trashfilmgeschichte.

Django Unchained verfolgt das Schicksal des Sklaven Django, der vom Kopfgeldjäger Dr. King Schultz zunächst aus pragmatischen Gründen aus der Sklaverei befreit wird. Nachdem er seinen Dienst getan und die berüchtigten Brittle-Brüder für Schultz identifiziert hat, erweist er sich jedoch als Naturtalent mit Schusswaffen aller Art und als unentbehrlicher Partner für Schultz. Und dieser erklärt sich bereit, Django bei der Befreiung seiner Frau Broomhilda zur Seite zu stehen, die sich in der Gefangenschaft des frankophilen Sklavenhändlers Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) befindet. Zunächst gelingt es ihnen, sich dessen Vertrauen zu erschleichen, doch wir wären nicht bei Tarantino, wenn nicht doch irgendwann de bereits erwähnten Schusswaffen zur blutigen Eskalation führen würden.

Dieses Mal verzichtet Tarantino auf die episodische Erzählstruktur und Kapiteleinteilung, die wir aus vielen seiner anderen Werke gewohnt sind. Weil wir die Entwicklung des unterdrückten und verstummten Sklaven Django zu einem eloquenten, vor Tarantino-Coolness nur so strotzenden Helden verfolgen, ist das auch durchaus angebracht, wenn es auch gegen Ende ein paar geringe Längen zur Folge hat.

Anders als in Inglourious Basterds vermag es Tarantino hier mehr als einmal, mit humoristischem Feingefühl den Finger genau in die Wunde zu legen. Wenn ein Sklavenhändler seine Sklavin auffordert, den befreiten Django nicht wie einen „Neger“ zu behandeln (aber auch bloß nicht wie einen Weißen!) oder die Urväter des Ku-Klux-Klan an mangelhaft genähten Sturmhauben scheitern, kann man es nur zu gut nachvollziehen, weshalb sich so manch ein Republikaner auf den Schlips getreten fühlt. Womöglich tut Tarantino damit mehr für das amerikanische Gewissen als Steven Spielberg mit seinem jüngsten Werk Lincoln – nicht umsonst war es Tarantino, der zuletzt den Golden Globe für das beste Original-Drehbuch mit nach Hause nehmen durfte. Diesen feinen, bitterbösen, fast schon satirischen Humor hätte man Tarantino zwischen seinen Fluch-Eskapaden gar nicht mehr zugetraut – schön, dass er uns hiermit vom Gegenteil überzeugen konnte. Als Schultz auf Candyland, der Plantage des Calvin Candie, nonchalant einen Nachtisch mit den Worten ablehnt, er mache sich nicht so viel aus Süßigkeiten, möchte man spontan aufstehen und Szenenapplaus geben.

Für die Schauspieler sind die brillanten Dialoge ein gefundenes Fressen. Jamie Foxx gibt den stillen Helden Django mit der für Tarantino typischen Coolness, unterschlägt aber auch nicht seinen weichen Kern. Kerry Washington vermag es, der Rolle der Broomhilda (die mit nur ein, zwei Zeilen definitiv zu kurz kommt), eine stille Würde zu verleihen und sie damit stärker zu machen, als sie im Drehbuch womöglich angelegt ist. Es sind aber nicht zufällig Leonardo DiCaprio und Chistoph Waltz, die sich bei der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung ein Mexican Stand-off lieferten, und – ohne parteiisch sein zu wollen – ich kann Leo seine enttäuschte Miene nur zu gut nachfühlen, als der Preis wie schon vor drei Jahren an Waltz ging. Denn so großartig Christoph Waltz den deutschstämmigen King Schultz auch spielt – Leonardo DiCaprio zieht als Calvin Candie Register, von denen wir gar nicht wussten, dass er sie überhaupt hat. In seiner ersten Rolle als Bösewicht blüht er förmlich auf und spielt dabei nicht nur Waltz an die Wand.

Alles in allem hat Tarantino es wieder einmal geschafft, einen echten Tarantino zu erschaffen. Natürlich unterscheidet der sich nicht groß von den anderen Tarantinos, und natürlich sollte man als zartbesaiteter Zuschauer wissen, wann man sich die Augen zuhalten muss. Zu Recht argumentieren Kritiker, Tarantino habe es sich in seiner Nische ein bisschen zu bequem gemacht, er erfinde sich selbst nicht mehr neu. Stimmt. Etwas vergessen sie dabei: Django Unchained ist ein hervorragender Film, ob man ihn nun für sich allein stehend oder als Teil des Tarantino-Kanons betrachtet. Und solange Mr. Tarantino weiter Filme von dieser Qualität produziert, fiele mir auch kein Grund ein, warum er seine Nische verlassen sollte, schließlich fühlt er sich da augenscheinlich pudelwohl. Ob er nun Hitler, einen Haufen rassistischer Sklavenhändler oder sich selbst in die Luft jagt – Tarantino hat seinen Zenit mit Django Unchained offensichtlich noch nicht überschritten. Wir freuen uns auf mehr.

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