Fernsehen/Serie/TV

Aber bitte britisch.

Man sollte meinen, die Überraschungen seien seltener geworden nach rund einem Jahr mit der BBC. Aber immerhin ist es die BBC, von der wir hier reden und die überrascht nicht selten sogar mit den zweiten Staffeln von Serien, die mit ihrer ersten Staffel die Messlatte schon unerreichbar hoch gelegt hatten. Sherlock ist an dieser Stelle das wohl bekannteste Beispiel. Ein zweites Beispiel, von dem im derzeitigen Rummel um die sogenannte „Qualitätsserie“ seltsamerweise gar nicht geredet wird, ist The Hour, ein weiteres Produkt der BBC-Drama-Abteilung.

Während das deutsche Feuilleton sich derzeit in wahren Lobgesängen über amerikanische Formate wie The Wire oder Homeland ergeht, existiert The Hour still und leise mit sechs Folgen pro Staffel im Abendprogramm der BBC und sorgt anscheinend nur bei mir in der WG für Furore. Ich behaupte steif und fest, dass das nur daran liegen kann, dass The Hour bis jetzt noch kein internationales Publikum gefunden hat. Würde die Serie erst synchronisiert auf einem ordentlichen Sendeplatz in einem öffentlich-rechtlichen Programm laufen, dann hätte das deutsche Fernsehprogramm mit einem Mal deutlich an Qualität gewonnen.

The Hour entführt eine Stunde lang in die von schräg einfallendem Licht, Mustertapeten und Holzvertäfelung geprägten Fünfzigerjahre Londons, in die Fernsehstudios, die Herrenhäuser und, was in dieser Staffel neu ist, ins schillernde Nachtleben, das sich mit der kriminellen Unterwelt zu einer verlockenden Melange vermengt.

Während es in der ersten Staffel noch vornehmlich um den allzu neugierigen BBC-Reporter Freddie Lyon ging, weitet sich das Blickfeld in der zweiten Staffel und gibt auch den großartigen Nebenfiguren den Raum, den sie verdienen. Vor allem die Frauenfiguren, die zwar auch schon in der ersten Staffel stark, aber dennoch eher nebensächlich waren, können in dieser Staffel auftrumpfen. Besonders Hector Maddens Ehefrau Marnie entfaltet sich zu einer schillernden Persönlichkeit und zeigt auf, dass eben nicht nur eine alleinstehende Frau unabhängig und selbstbewusst sein kann.

Brillant gezeichnete Charaktere – zu erwähnen sei an dieser Stelle außerdem Randall Brown, dessen Zwangsneurose angenehm subtil und in keinem Fall als comic relief inszeniert wird – und messerscharfe Dialoge machen The Hour zu einer der spannendsten Serien, die man derzeit im Fernsehen finden kann. Und zwar weltweit. Ja, das schließt auch die selbsternannten und anscheinend über jede Kritik erhabenen Serienkönige von HBO mit ein. Denn was The Hour meiner Meinung nach Meisterwerken wie Mad Men oder The Wire voraus hat, ist die Tatsache, dass sich die Handlungsfäden bereits nach sechs Folgen so verwebt haben, dass sich eine schlüssige Lösung ergibt. Im Gegensatz dazu sind amerikanische Qualitätsserien oft auf Unendlichkeit ausgelegt – verständlicherweise, finanzieren sie sich doch aus Werbeeinnahmen und Zuschauerabonements – was nach spätestens der dritten oder vierten Staffel dazu führt, dass sich alle ursprünglichen Charaktere und deren Beziehungen auserzählt haben, neue Figuren eingeführt werden und so die eigentliche „Seele“ der Serie verloren geht. Besonders für die Continuity hat das weitreichende Folgen: Wenn man die Biographien von einigen Seriencharakteren betrachtet, dann fragt man sich, warum sie nach so vielen Schicksalsschlägen morgens überhaupt noch das Haus verlassen.

Das gleiche gilt für die leidige, aber leider unvermeidliche Abhängigkeit einer Serienfigur von ihrem Schauspieler. Und weil viele talentierte Darsteller erst über Serien ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden und dann lukrative Angebote aus der Welt des Films erhalten, passiert es allzu häufig, dass Verträge nicht erneuert werden und sich die Autoren dann einen möglichst plausiblen Abgang für den jeweiligen Charakter aus den Fingern saugen müssen. Häufig führt das zu traumatischen Ereignissen, die das ganze Handlungsgeflecht der jeweiligen Serie ad absurdum führen – wie jüngst geschehen bei Downton Abbey, wo es anscheinend nicht möglich ist, dass beide Elternteile die Geburt ihres lang erwarteten Sprösslings überleben.

Aber ich schweife ab. Es ist natürlich falsch, amerikanische Epen wie The Wire, Broadwalk Empire oder Mad Men per se zu verurteilen. Genauso falsch ist es aber, die Augen vor dem internationalen Markt zu verschließen. Auf diese Weise gerät die Diskussion um Qualitätsfernsehen allzuschnell recht einseitig: Die Amerikaner können es, alle anderen nicht. Ich hoffe, es ist nicht nur mein britischer Pseudo-Patriotismus, der hier aus mir spricht, aber ich behaupte, die Briten können es auch. Und ich behaupte außerdem, die Briten können es womöglich sogar besser. Denn anders als die Amerikaner wissen sie eine gute Serie nicht nur zu beginnen, sondern sie wissen sie auch zum richtigen Zeitpunkt zu beenden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s