Berlinale

Dreimal großes Kino.

Nach drei Filmen herrscht in meinem Kopf heute Abend nur noch Genre-Salat. Ich werde auf jeden der drei nur kurz eingehen und mir dann meine wohlverdiente Mütze Schlaf gönnen. Lasst euch gesagt sein, liebe Leser, ich arbeite mich langsam auf Höchstform: Inzwischen sehe ich die Berlinale als eine Art Extremsportart und genieße dabei jede Sekunde. Sie macht es einem aber auch nicht leicht, sie nicht zu mögen. Das Personal ist absolut liebenswürdig, immer mit einem Lächeln auf den Lippen unterwegs, und geizt auch nicht mit Geheimtipps. So entwarf uns der nette Service-Mensch im Cinemaxx direkt einen ganzen Schlachtplan, wie wir auf unterschiedlichen Positionen und mit Handykommunikation versuchen sollten, noch an Karten für eine eigentlich ausverkaufte Vorstellung zu kommen. Die Gelegenheit zum Applaus wird ebenfalls genutzt, wann immer sie sich bietet – nicht nur nach den Filmen, sondern auch beim Aufmarsch der Ticketschalter-Mitarbeiter morgens um halb acht. Und überhaupt. Wenn nach dem Film Regisseur und Hauptdarsteller für Fragen zur Verfügung stehen, bin ich längst im siebten Himmel.

So zum Beispiel bei Je ne suis pas morte. Nicht nur der Film war großartig, sondern auch der Regisseur, der bereitwillig Fragen von Interpretationsansätzen bis Filmfinanzierung beantwortete. Interpretationsansätze gab es tatsächlich so einige (vor allem, da das intellektuelle Berlinale-Publikum anscheinend lieber damit angibt, wie klug es ist, indem es ganze Hausarbeiten formuliert, anstatt konkrete Fragen zu stellen). Trotz der fantastischen Elemente war Je ne suis pas morte ein erstaunlich nüchterner Film, der sich mit dem durchaus realistischen und relevanten Thema der Vorurteile gegenüber Immigranten genauso auseinandersetzt wie mit dem Thema des Sterbens und des Verlusts und dabei – besonders im direkten Vergleich mit The Necessary Death of Charlie Countryman – außergewöhnlich wahrhaftig bleibt.

Don Jon’s Addiction war das komplette Kontrastprogramm: Ein pornosüchtiger Proll auf der Suche nach sich selbst. Knallig und laut wie das Spätabendprogramm auf MTV, dabei aber so geschickt komponiert, dass die feine Ironie und die mit spitzer Feder verfassten Dialoge dadurch höchstens noch betont wurden. Und trotzdem irgendwie immer noch charmant, was an Joseph Gordon-Lewitt liegen könnte, dem man den uncharmanten Macho nicht immer wirklich abnimmt. Ich habe von einer Menge Leute gehört, die den Film fürchterlich fanden. Verstehe ich gut. Ich war für neunzig Minuten bestens unterhalten.

Boven is het stil hingegen hat mich vollkommen umgehauen – mit der ganzen Schlagkraft seiner extrem ruhigen Bilder und langsamen Erzählweise. Die Geschichte eines Bauern, der seinen sterbenden Vater pflegt, ist vor allem eine Geschichte der Einsamkeit, die von Regisseurin Nanouk Leopold mit fast schon hypnotischen Bildern in verwaschenen, holländischen Winterfarben gezeichnet wird. Dieser Film hat mich wirklich berührt. Das mag auch daran liegen, dass viele der Bilder bei mir ganz persönliche Assoziationen geweckt haben – beispielsweise Gerüche von früheren Bauernhofurlauben – aber ich glaube, auch ohne diese persönliche Verbindung hat dieser Film das Potenzial, zu Tränen zu rühren, ohne jemals sentimental zu werden. Ich kann nur hoffen, dass Boven is het stil es nach der Berlinale auch in die deutschen Kinos schafft, damit ich ihn mir nochmal ansehen kann.

Für morgen habe ich Karten für The Weight of Elephants, einen Jugendfilmbeitrag, Lovelace, einem weiteren amerikanischen Werk über die Pornoindustrie (das ist anscheinend gerade irgendwie in) und Meine Schwestern, einem deutschen Film aus dem Panorama-Programm. Ich werde berichten, sofern ich noch tippen kann (aber noch halte ich mich ja ganz gut).

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