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Hat ja gar nicht wehgetan.

Ich hatte mir im Vorfeld nur fiese, sarkastische Überschriften für diesen Artikel zurechtgelegt und bin jetzt ein bisschen ratlos. Lasst euch gesagt sein: Ich bin kein Freund des Herrn Schweiger. In The Necessary Death Of Charlie Countryman spielte er zuletzt auf der Berlinale mit Bravour die Rolle eines klischeehaften Nachtclubbesitzers und war damit nur ein Fremdschämfaktor mehr in diesem ziemlich misslungenen Wettbewerbsbeitrag. Und vielleicht hat mich der heutige Tatort Willkommen in Hamburg deshalb so überrascht. Geringe Erwartungen führen gemeinhin zu großen Überraschungen.

Versteht mich nicht falsch, ich war an dem Ergebnis des ersten Schweiger-Tatorts durchaus interessiert. Immer noch halte ich an dem Glauben fest, dass, wenn sich im deutschen Fernsehen was tut, das am ehesten im Tatort passiert. Til Schweiger als Tatortkommissar zu casten – das ist praktisch eine persönliche Einladung an das breite deutsche Publikum, das wieder und wieder in die schweiger’schen RomComs strömt. Und ich muss gestehen: Ich erwartete, mit Spott und Häme auf diese „Verjüngungskur“ der ARD reagieren zu können. Aber der „Tatort mit Til“ macht mir einen Strich durch die Rechnung.

In den ersten paar Minuten wird klar: Action soll’s richten. Til Schweiger trägt sein grimmiges Gesicht durch eine Schießerei in einem Hamburger Wohnsilo, am Rande geht es um Prosituierte, vor allem geht es um Herrn Schweiger. So weit, so erwartbar. Nach dem Geballere – das dem Zuschauer ein ziemlich deutliches „Bleiben Sie dran, das wird kein Alte-Damen-Krimi“ entgegenbrüllt – erhalten wir jedoch, und das überrascht dann tatsächlich, einen ziemlich soliden Tatort. Der Fall bleibt zwar schwammig, aber über mangelnde Spannung kann man sich nicht beschweren. Das zwar altbekannte Motiv des bösen Gegenspielers wird mal wieder abgestaubt und man stellt Nick Tschiller seinen ehemaligen Kollegen Max Brenner gegenüber. Könnte schiefgehen, aber glücklicherweise spielt sich Mark Waschke verbissen und meistens erfolgreich aus den Klischees. Und als hätte mich nicht das allein schon am Wickel, wird noch die ein oder andere Anspielung über die „besondere Beziehung“ gestreut, die den Max und den Nick früher verband. Der Nick redet da nicht gerne drüber. Ich wittere latente Homoerotik und freue mich auf eine Vertiefung dieser Thematik in den kommenden Folgen. Das wäre doch mal was.

Mein ziemlich schwarzseherisches Tatort-mit-Til-Orakel hat natürlich trotzdem das ein oder andere Mal ins Schwarze getroffen. Til, der Beschützer der kleinen Mädchen (es scheint ein neuer Trend in Tatortgefilden zu sein, dass männliche Ermittler minderjährige, verdächtige Mädchen mit nach Hause nehmen – allein aus Beschützerinstinkt, versteht sich), der Frauenheld („Sie hat dir auf den Arsch geguckt!“), der selbstironische Lieblingsschauspieler der Deutschen („Ich nuschel‘ manchmal.“). Auch dass aus meiner scherzhaften Horrorvorstellung, der neue Schweiger-Ermittler solle doch bitte alleinerziehender Vater einer der Schweiger-Töchter sein, ernst gemacht wurde, fand ich nur im ersten Moment lustig. Luna Schweiger nuschelt wie ihr Vater, aber ihr wird das nicht als Markenzeichen verziehen. Auch Herrn Schweiger verzeihe ich eigentlich nicht. Aber ich beginne zu schwanken.

Denn am Ende kann ich mich über diesen Tatort eigentlich nur freuen. Die Kamera arbeitet hervorragend: Kreativ, dynamisch und sogar die manchmal etwas anstrengende Wackelei dient einem Zweck. Das sieht alles ziemlich gut aus, erinnert durch die geringe Tiefenschärfe und durchdacht gewählten Bilder gelegentlich sogar – und das ist das höchste Lob, das ich an dieser Stelle aussprechen kann – an den britischen Sherlock. Komik wird nicht durch den comichaft schrägen Assistenten generiert, wie es im Fernsehkrimi zu oft der Fall ist, sondern vielmehr durch einen, der, dem Drehbuchautoren sei Dank, mit einem wirklich erfrischendem Galgenhumor gesegnet ist. Auch das ein dicker Pluspunkt auf meiner Liste.

Und, Til Schweiger hin oder her, Nick Tschiller hat es bei mir auch geschafft. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Vielleicht, weil das Genuschele und der immer gleiche Gesichtsausdruck gar nicht so schlechte Eigenschaften für einen neuen Tatort-Kommissar sind. Psychologisch ausgekügelte Rätsel wird dieser Ermittler auch in Zukunft wohl nicht zu lösen wissen, aber ist das eigentlich so schlimm? Vielleicht verpasst Tschiller dem Sonntagabend ja mal den Schuss frischen Winds, den er so dringend nötig hat, und den Eintagsfliegen wie Gisbert nicht aufrecht erhalten können. Inzwischen würde ich es ihm fast wünschen. Ein Freund des Herrn Schweiger bin ich immer noch nicht. Aber einer des Nick Tschiller könnte ich werden. Willkommen in Hamburg.

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5 Kommentare zu “Hat ja gar nicht wehgetan.

  1. Hallo Laura,

    also ich muß ganz ehrlich sagen, Nick Tschiller hat mich nicht vom Hocker gerissen. Ziemlich brutal für Sonntag Abend Prime time. Etwas weniger hätte es auch getan.

    Wenn man ihn so ansieht… Zerrüttete Ehe, in der die Zuneigung offensichtlich noch nicht erstickt ist, Umzug nach Hamburg der Tochter wegen, mit dem Alltag völlig überfordert, aber auf eine irgendwie treudoofe Art und Weise… an dieser Stelle spielt er sich wohl wieder ein Stück selbst wie auch in seinen bekannten Komödien.

    Ich werde bestimmt wieder reinschauen, will noch mehr wissen von seinen „Geheimnissen“, aber Ritter & Stark liegen mehr auf meiner Linie.

    Liebe Grüße
    Tine

    • Hallo Tine!
      Du hast Recht, die Actionszenen waren zwischendurch wirklich eher was für den späten Abend. Was Tschillers klischeehaftes Privatleben angeht: Entweder, ich hatte das zu sehr erwartet, als dass es mich wirklich stören würde, oder ich war zu sehr damit beschäftigt herauszufinden, ob Tschiller denn nun schwul ist oder nicht… 😉
      Generell ziehe ich auch die Münchener oder die Berliner vor, aber die Verjüngunskur ist meiner Meinung nach eindeutig geglückt.

  2. Schade, dass ich erst jetzt auf deinen Blog und diesen Beitrag gestoßen bin. Mir ging’s nämlich ganz ähnlich ;)!

    Herzlichst
    Marie

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