Theater

Müde Rebellen.

Dass Ferdinand kein besonders netter Kerl ist, ist bei der ersten Lektüre von Schillers Kabale und Liebe damals in der achten Klasse irgendwie an mir vorbeigegangen. Ich hielt ihn immer für einen romantischen Helden, der nur das Beste für seine Luise will. Insofern hat die Inszenierung Claus Peymanns im Berliner Ensemble (Premiere: 8. März) bei mir zumindest in einem Punkt für einen Erkenntnisgewinn gesorgt. Ansonsten aber verblassen die starken Momente des Stückes neben denen, an denen Peymann – aus welchem Grund auch immer – bewusst schrille Akzente setzt.

Der leere Bühnenraum, einzelne Stühle, die unterschiedliche Handlungsorte konstituieren, und die, ja, doch, optisch recht ansprechende Schaukel, auf der Lady Milford (Katharina Susewind) ihren rosa Seidenrock und ihre langen Beine schwingt, das ist alles ganz nett, sieht nach Theater aus, auch nicht eben zu anspruchslos. Minimalistisch, geradlinig, wir verlassen uns hier ganz auf Schiller. Das wäre auch alles kein Problem, wenn das, was an Schillers Geist in Kabale und Liebe steckt, den Sprung von den Lippen der Schauspieler ins Publikum schaffen würde – aber das gelingt hier nur selten.

Zu oft sind die Charaktere, die wir auf der Bühne sehen, nichts als Abziehbilder der schiller’schen Originale. Der rebellische Ferdinand (Sabin Tambrea), die fromme Luise (Antonia Bill), der patzige Miller (Martin Seifert), der kriecherische Wurm (Norbert Stöß). Zwischentöne? Fehlanzeige. Das alles findet seine Vollendung im Hofmarschall von Kalb (Thomas Wittmann). Unter Puderwolke, Gehopse und Gekreische geht Schillers hintersinniger Witz vollkommen verloren. Das Gleiche, wenn auch umgekehrt, gilt für Lady Milford. Die einzige wirklich starke Frauenfigur in diesem „Frauenstück“, wie es auf der Website des Berliner Ensembles angepriesen wird, verliert sich in Geschmachte und Genöle und als sie schließlich mit ihren High Heels die Fesseln ihres Standes ablegt und die langen Haare aus dem strengen Pferdeschwanz befreit, hört man ihr schon lange nicht mehr zu.

Die Interpretation des Ferdinand hingegen hat durchaus Potenzial. Der dumme Junge aus reichem Elternhause, der seinen Wunsch nach Rebellion auf die hübsche Tochter seines Geigenlehrers projeziert, sie so liebt, wie er es offensichtlich aus Romanen gelernt hat, und das Ganze schließlich – weil man das als Betrogener eben so macht – mit Gift zuende bringt; Ferdinand, der von allen Aufmerksamkeit verlangt und niemandem wirklich zuhört. Schade, dass auf der Emotionsskala Peymanns zwischen Flüstern/Wimmern und Schreien/Toben gähnende Leere herrscht. Etwas mehr Abwechslung zwischen mehr als zwei Lautstärken hätte auch Sabin Tambreas tapfer gespielten Ferdinand gut getan. So ist es kein Wunder, dass er am Ende nur noch müde wirkt.

Peymann, der sich selbst und sein Theater am Schiffbauerdamm einmal als „den Stachel im Arsch der Mächtigen“ beschrieb, ist längst nicht mehr so bissig, wie er glaubt. Natürlich könnte man Herrn Peymann zugute halten, dass er sich in Zeiten, in denen jedes Stück dramaturisch auf die aktuellen Umstände gemünzt wird („In der Dreigroschenoper geht es ja auch irgendwie um die Finanzkrise!“), an die Essenz der alten Dichter hält, trotzdem bleibt am Ende die Frage der Relevanz dessen, was man sich da gerade für drei Stunden angesehen hat. Peymanns Kabale und Liebe öffnet weder eine neue Perspektive auf Schillers Stück, noch auf unseren Alltag; eine routinierte Inszenierung, bei der man am Ende wohlwollenden Applaus für die Schauspielerleistung spendet. Zu mehr kann uns der allzu stumpfe Stachel nicht bewegen.

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