Theater

Peter Pan für Erwachsene.

Peter Pan altert nicht und hat doch viele Gesichter. Disney erfand ihn als rothaarigen kleinen Jungen in grünen Strumpfhosen neu, der in Nimmerland Abenteuer erlebt, 2004 wurde seine Entstehungsgeschichte mit Johnny Depp in der Rolle des J. M. Barrie romantisiert. Und auch der Kinderfilm Hook mit Robin Williams als gealterter Peter beweist: Ewige Kindheit? Alles eine Frage der Einstellung. Aber ist das wirklich so einfach?

Robert Wilson bringt am Berliner Ensemble die dunkle Seite des Helden zum Vorschein – ein dünnes Wesen, das seine Stimme immer wieder aufs Neue finden muss, Schatten im Gesicht und ein zu breites Lächeln auf den Lippen. Dazu passend wird Sabin Tambreas Peter Pan keine feminine Elfe als Tinkerbell an die Seite gestellt sondern Christopher Nell in einem Tütü, der wie eine Motte auf Crack über die Bühne flimmert.

Es ist ein düsteres Nimmerland, das Robert Wilson auf der Bühne des Berliner Ensembles entwirft, geradlinig und kühl. Aber wie schon in seinen vorherigen Stücken inszeniert Wilson nicht nur ein Stück, sondern auch die eigens für seine Inszenierung komponierte Musik. In diesem Fall hat er sich mit CocoRosie zusammengetan, einem amerikanischen Schwesterpaar, dessen lebhafte Spielzeuglandmusik einen interessanten Kontrast zu Wilsons kühler Ästhetik bildet. So scheint es fast als wollten die Lost Boys und Tiger Lilly mit lautem, eingängigen Pop die Leere der Wunschvorstellung Nimmerland übertönen. Und dass auch der ein oder andere Witz aufgesetzt und künstlich wirkt ist in diesem Zusammenhang nur allzu passend.

Kurz vor der Pause leitet Sabin Tambrea mit dem stillen Solo „To die would be an awfully big adventure“ in den zweiten, erwachseneren Teil des Dramas über. Erst jetzt entfaltet die Kombination aus Wilson’scher Distanz und CocoRosies Energie ihre ganze fulminante Wirkung. Kleine Zwischenszenen vor dem schwarzen Vorhang, die ganz pragmatisch den Umbaupausen geschuldet sind, werden zu den eigentlichen Glanzstücken der Inszenierung, allen voran die Soli von Christopher Nell und Martin Schneider. Und was in der ersten Hälfte noch zu grell und zu laut schien, bekommt plötzlich eine reifere und gespenstischere Seite.

Anna Graenzers Wendy, die für die Verlorenen Jungs zur Mutter werden muss, obwohl sie ihre eigene Mutter vermisst, und Stefan Kurts Kapitän Hook, der Peter Pan aus Rache für den Verlust seiner Hand – anscheinend in aller Doppeldeutigkeit – „zum Mann machen“ will, stehlen in der zweiten Hälfte dem eigentlichen Helden des Stücks die Show. Das macht aber gar nichts. Denn der Konflikt des Stücks trägt sich schon lange nicht mehr in seinem Hauptcharakter, sondern längst in den Köpfen der Zuschauer aus.

Als Robert Wilson vor der Voraufführung ein paar Worte ans Publikum richtet und versichert, man dürfe durchaus lachen, ist das als Einladung zu verstehen. Anders als bei den eher düsteren Vorgängerwerken Lulu und Shakespeares Sonette findet Wilson in diesem Stück zu der Komik und Leichtigkeit seiner Dreigroschenoper zurück – und verleugnet dennoch nicht seine dunkle und gespenstische Seite, die er in seinen vorherigen Inszenierungen offengelegt hat.

Dass Wilson sich selbst treu bleibt ist bei seiner vierten Inszenierung am Berliner Ensemble kaum noch überraschend, so konsequent wie sich sein Stil in allen seinen Werken durchsetzt. Und dennoch wirkt Peter Pan so originell und frisch wie seine Vorgänger. Wilson ist seines Stils noch nicht müde geworden – und das Publikum allem Anschein nach auch nicht. Mit all seinen Ticks und Sperenzchen bleibt Wilsons Stil natürlich noch immer Geschmackssache – und so wird der, der Wilson nicht mag, seinen Peter Pan am Berliner Ensemble auch nicht mögen. Aber der, der Wilson nicht kennt, wird ihn womöglich lieben lernen.

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