Fernsehen/Serie/TV

Durch den Magen.

Vom Verzehr von Speisen aller Art beim Ansehen von Bryan Fullers neuer Serie Hannibal möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich abraten. Höchstens Rohkost ist noch tolerabel. Und ich spreche von Möhrchen, nicht von Steak Tartare. Wer mit Bryan Fullers Werk nur durch die bonbonbunte Blümchen-und-Obstkuchenserie Pushing Daisies vertraut ist, der sollte sich bei Hannibal auf einiges gefasst machen.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Fullers bekanntesten Serien belaufen sich höchstens auf das Konzept, attraktive Männer in Küchen zu stellen und das ganze mit einem morbiden Plottwist zu versehen. Während aber bei Pushing Daisies der schüchterne Ned, der mit einer Berührung Tote zum Leben erwecken kann, zur Entspannung Obstkuchen bäckt, treffen wir in Hannibal niemand anderen als den distinguierten Psychologen, Serienmörder und Kannibalen Hannibal Lecter in seiner Designerküche an. Mehr brauche ich in Sachen „morbider Plottwist“ an dieser Stelle wohl nicht zu sagen.

Dass er beim Publikum ein gewisses Halb- bzw. Vorwissen voraussetzen kann, macht sich Fuller geschickt zunutze. Seit Das Schweigen der Lämmer sind Hannibal Lecters kulinarische Vorlieben zum popkulturellen Allgemeinwissen geworden. Das Publikum weiß Bescheid – und die süffisanten Wortspiele Hannibals, der gerne einmal „Freunde zum Essen einlädt“ werden zum Insiderwitz mit dem Serienkiller. Kenner der Romane von Thomas Harris werden außerdem Figuren und Handlungselemente wiederentdecken, Nichtkenner (wie ich) hingegen haben die Möglichkeit, den Mythos Hannibal und die sich darum entspinnende Figurenkonstellation völlig neu kennenzulernen.

Durch die Besetzung mit dem dänischen Schauspieler Mads Mikkelsen gewinnt die Figur Hannibal Lecter, die im popkulturellen Gedächtnis als Anthony Hopkins mit Maulkorb und Zwangsjacke eingebrannt ist, eine neue Dimension dazu: stets im Anzug, immer korrekt gescheitelt, mit einem leicht europäischen Akzent und einem süffisanten Lächeln ist dieser Hannibal ein Chameur, dem man auf der Stelle erliegt – welche Form von „finger food“ er seinen Dinnergästen nun auch serviert. Und das ist wohl auch der wichtigste Grund dafür, dass die im Serienmittelpunkt stehende Beziehung zwischen Hannibal Lecter und dem Profiler Will Graham überhaupt funktioniert.

Durch seine seltene Gabe, sich in die Gedankenwelt von Serienkillern versetzen zu können, ist Will Graham für das FBI zwar unentbehrlich, aber  auch ständig in der Gefahr, sich in deren Welt zu verlieren. Jetzt möchte man meinen, dass gerade er, als er bei Hannibal Lecter in Behandlung kommt, diesen sofort durchschauen müsste – aber Fehlanzeige. Wie der Zuschauer erliegt auch Will Graham sofort der einfühlsamen Art des Psychologen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Denn auch Hannibal sieht in Will mehr als nur einen Patienten – und entwickelt eine ungesunde Obession mit dessen Gehirn.

Auch optisch wagt Bryan Fuller einmal mehr Neuland zu betreten. Will Grahams Halluzinationen, seine Empathiephasen und seine Albträume werden brillant visualisiert, sei es durch Beleuchtung, durch Kameraperspektiven oder durch einen gefiederten Hirsch, der als personifiziertes Böses durch Wills Träume wandert. Im Gegensatz dazu gewinnen die alltäglichen Situationen durch exakte Bildkomposition, symbolisch aufgeladene, aber niemals aufdringliche Ausstattung und satte, blutige Rottöne ein gewisses Maß an Surrealität.

Wöchentlich wartet die Serie mit einem neuen, makaberen Tatort auf, die eigentliche Handlung konzentriert sich jedoch anderswo: Wills psychologischer Absturz und Hannibals „Unterstützung“ dabei, sowie die Jagd auf den berüchtigten Chesapeake Ripper (dreimal dürft ihr raten, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt) entfalten sich zu einem atemberaubend spannenden Katz-und-Maus-Spiel, das auch dadurch nicht an Spannung verliert, dass handlungstechnisch eigentlich von Anfang an alle Karten auf dem Tisch liegen. Um es mit Hannibals Affinität für makabere Wortspiele zu sagen: Für popkulturelle Feinschmecker mit gesunden Mägen ist diese Serie definitiv ein gefundenes Fressen. Bon Appetit.

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