Film

Schall und Rauch.

Baz Luhrmann hat Glück, dass er sich bei Der große Gatsby auf eine brillante Vorlage verlassen kann. F. Scott Fitzgeralds Roman geizt nicht mit Symbolen und so werden die großen Bilder des Films praktisch vordiktiert: die toten Augen Dr. T. J. Eckleburgs auf der Reklametafel über den Aschefeldern vor New York, Gatsbys gelbes Auto, die hell erleuchteten und deshalb nicht weniger abgründigen Partyszenen und natürlich das grüne Licht am Ende des Stegs vor dem Hause Buchanan, das nicht umsonst die Rahmung für den gesamten Film bildet. All das sind Bilder, die Fitzgerald eindringlich beschreibt und die Luhrmann umso eindringlicher in Szene setzt: Das 3D tut hier wirklich einmal seinen Zweck, betont die Räumlichkeit der Bilder und erschafft in Kombination mit einer Menge CGI eine Welt, die der Surrealität und Kaleidoskophaftigkeit der von Fitzgerald beschriebenen Partys erstaunlich nahe kommt.

Und dennoch wird man als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass man Zeuge einer groß aufgezogenen und strahlend illustrierten Interpretationshilfe für Highschoolabsolventen wird. Das mag vor allem an Nick Carraways Erzählerstimme aus dem Off liegen, die über einen halbherzig gestrickten Subplot etabliert wird: Der in New York gescheiterte Nick hat sich in ein Sanatorium zurückgezogen, wo ihn sein Arzt dazu überredet, seine Erinnerungen an Gatsby zu notieren – es entsteht ein Roman, der am Ende den Titel des Films tragen wird. Ob es Fitzgerald gefallen hätte, sich so mit Nick Carraway gleichgesetzt zu sehen, ist fraglich, schadet dem Film in erster Linie aber nicht. Was nach spätestens einer halben Stunde nervt, ist aber die Erzählstimme Nicks, die jede Szene publikumsfreundlich mit Interpretationsansatz kommentiert. So beschreibt er beispielsweise die Augen des T. J. Eckleburg (die in der Szene selbst wunderbar zu sehen sind) als allwissend und allgegenwärtig – „fast wie das Auge Gottes“. Was du nicht sagst, Nick. Was F. Scott Fitzgerald in seinem Roman bewusst und zu Recht der Spekulation des Zuschauers überlässt, wird in Luhrmanns Drehbuch ausformuliert – und das mehr als einmal, obwohl beim Publikum durchaus ein gewisses Vorwissen oder zumindest die Fähigkeit, derart gering verschlüsselte Metaphern zu deuten, vorausgesetzt werden darf. Oder bin ich da wieder mal zu optimistisch?

Überhaupt hätte ich von einer Gatsby-Verfilmung in 3D und mit einem Soundtrack von Jay-Z, Beyonce und Lana Del Rey mehr erwartet. Trotz dieser anachronistischen Ansätze in der Inszenierung hält Baz Luhrmann sich geradezu sklavisch an das Original. Ich zählte 40 „old sports“ (in der Synchronisierung mit „alter Knabe“ übersetzt). Sogar der Soundtrack (ein großartiger Soundtrack, übrigens) fügt sich reibungslos in das Gesamtbild des Films ein – fast zu reibungslos. Wo an der Nahtstelle zwischen 20er-Optik und moderner Musik eine positive Irritation hätte entstehen können, finden sich nun brillante, mitreißende Szenen, die in ihrer Perfektion allerdings die Möglichkeit verspielen, das Publikum aus seiner passiven Zuschauerhaltung zu rütteln. Tatsächlich beginnt Luhrmann nicht einmal ansatzweise, F. Scott Fitzgeralds Werk zu dekonstruieren – stattdessen stellt er es auf einen Marmorsockel, schmeißt Konfetti und Lametta und macht es damit noch unberührbarer als es vorher war. In Sachen Erkenntnisgewinn durch Dekonstruktion hätte er sich vielleicht einmal mit Joe Wright zusammensetzen sollen. Dem gelingt es in Anna Karenina nämlich hervorragend, den altbekannten Schinken vollkommen auseinanderzunehmen und so eine Essenz zu destillieren, die für ein heutiges Publikum sowohl guckbar als auch relevant ist.

Der große Gatsby böte für eine solche Interpretation mehr als nur eine Angriffsfläche, die Luhrmann allesamt ungenutzt vorbeiziehen lässt. Eine schlechter Film ist sein Gatsby trotzdem nicht. Das ist nicht zuletzt den schauspielerischen Leistungen geschuldet. Insbesondere Tobey Maguire, dem ich seit Spiderman 3 nur noch mit Misstrauen begegne, beweist erstaunliche Standfestigkeit: Obwohl die Rolle des Nick allein durch das Medium Film seiner Funktion als Auge und Ohr des Lesers beraubt ist, gelingt es Maguire, Nick als passiven Beobachter dennoch alles andere als nutzlos erscheinen zu lassen. Der liebevolle Blick auf Gatsby, den Luhrmann dem Publikum durch Nicks Augen erlaubt, gehört zu den großen Stärken des Films. Carey Mulligans Daisy bleibt brillant oberflächlich, und das ist an dieser Stelle wirklich als Kompliment zu verstehen. Herz und Seele des Films allerdings ist Leonardo DiCaprio. Gatsby, der nervöse Emporkömmling, der joviale Gentleman und der trotzige Junge scheint aus DiCaprios früheren Rollen gereift zu sein, man spürt Jack Dawson ebenso wie Frank Abagnale Jr., und gelegentlich schimmert sogar sein Romeo durch. Es gelingt ihm, aus Gatsby mehr zu machen als lediglich ein Symbol für den american dream, seine verzweifelte Naivität macht ihn berührbar, verletzlich und zuletzt seinen Wahnsinn nachvollziehbar.

Baz Luhrmann liefert mit Der große Gatsby einen Film ab, der an ein gut geschnürtes Paket erinnert – keine losen Enden, dafür bis zum Bersten gefüllt mit Partykrachern und Feuerwerk, Glitzer und Glamour, großen Gefühlen und größeren Worten. Vielleicht hätte dem Film etwas mehr von der Leichtigkeit gut getan, die nur in einzelnen Szenen zu spüren ist – wie etwa als die Party mit Tom Buchanan und seiner Geliebten im New Yorker Appartement vollkommen eskaliert. So aber wirken die Figuren in den überbordend ausgestatteten Räumen trotz Geschrei und Gezappel seltsam steif. Am Ende sind jedoch Künstlichkeit und Stilisierung Kunstgriffe, die sich einer Inszenierung von Der große Gatsby, ausgerechnet Der große Gatsby, nicht ankreiden lassen. Baz Luhrmanns Inszenierung fliegt mit einem Knall in die Luft, alles reißt die Augen auf und am Ende bleibt nichts als Schall und Rauch. Und das ist, ob nun bewusst gewählt oder nicht, eine hervorragende und sehenswerte Interpretation des Originals.

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