Film

Schwule Polizisten.

„Die deutsche Antwort auf Brokeback Mountain„, urteilte 3sat über Freier Fall und ich ärgerte mich schwarz, den Film auf der Berlinale so knapp verpasst zu haben. Jetzt wo ich ihn gesehen habe, möchte ich mich mit 3sat mal gerne über dieses Urteil unterhalten. Denn was ich da gesehen habe war keinesfalls eine Antwort auf Brokeback Mountain, sondern allerhöchstens eine Kopie. Wobei das eigentlich noch zu nett gesagt ist, denn mit einer hervorragenden Kopie eines hervorragenden Films könnte ich leben. Nur macht es sich Freier Fall an dieser Stelle entschieden zu leicht.

Die Geschichte ist nach dem typischen Selbstfindungsmuster gestrickt: der Polizist Marc (Hanno Koffler) und seine Frau (Katharina Schüttler) erwarten das erste Kind, als Marc auf einer Fortbildung Kay (Max Riemelt) kennenlernt. Die Männer beginnen eine Affäre und verlieben sich ineinander. Marc schläft mit Kay, Marc schläft mit seiner Frau. Und wieder mit Kay. Und plötzlich nicht mehr mit seiner Frau. Die schöpft Verdacht, die Affäre kommt ans Licht – es endet in Tränen. Und trotzdem kann Marc am Ende allein und gestärkt seiner Truppe voranjoggen und endlich – so ein Leitthema des Films – ruhig atmen.

Dieses sehr versöhnliche Ende ist nur eines von vielen Dingen, die ziemlich gekonnt darüber hinwegtäuschen, dass in Freier Fall keine besonders tiefe Geschichte erzählt wird. Die hervorragende Kameraarbeit zum Beispiel lässt besonders in den Liebesszenen vergessen, dass es für die Beziehung zwischen Marc und Kay rein inhaltlich kaum eine Grundlage gibt. Die Figur des Marc selbst beruht so sehr auf seinem inneren Konflikt mit seiner Sexualität, dass weitere Charakterzeichnung praktisch ausgeschlossen ist. Und auch Max Riemelts Kay bleibt am Ende nur der Auslöser und die Projektionsfläche für Marcs emotionalen und sexuellen Selbstfindungstrip.

Schade. Wahrscheinlich waren einfach meine Erwartungen zu hoch. Ich hatte gehofft, mal etwas anderes zu sehen als die gängigen „Sorgenschwulen“, und Freier Fall ruht sich auf genau diesem Konzept aus. Klischeebeladene Zeilen wie „So haben wir dich nicht erzogen, Marc!“, „Ich liebe Ihren Sohn!“, „Denk doch auch mal an mich!“ und „Ich bin aber nicht schwul!“ tun auf Seite des Drehbuchs ihr Übriges dazu. Anscheinend habe ich diese Art Film schon einmal zu oft gesehen, denn Spannung kommt dabei nicht einmal ansatzweise auf. Stattdessen sehen wir dem Protagonisten dabei zu, wie er seine existenziellen Ängste vor allem mit sich selbst aushandelt – auch das hat sich nach mehreren dramatischen Closeups auf das gefühlsverwirrte Gesicht des Hauptcharakters schnell auserzählt.

Warum es weder in Deutschland noch international gelingt, im Kino mal eine lebensbejahende und fröhliche gleichgeschlechtliche Romanze zu erzählen, ist mir ein Rätsel. Stattdessen bleiben wir lieber bei „Die armen Schwulen. Jaja. Die haben es schwer“. Dieser Ansatz ist sicherlich nicht verkehrt und ich wäre die letzte, die irgendeine Form der homosexuellen Repräsentation im Kino verurteilen würde, aber ich finde, wir sollten inzwischen weit genug sein, um das Ganze einen Schritt weiter zu tragen und von seiner Problemlast zu befreien. Ansatzweise ist das beispielsweise in Boven is het stil (Oben ist es still) von Nanouk Leopold  gelungen, wo der Hauptcharakter zumindest nicht in erster Linie einen Konflikt mit seiner Sexualität austragen muss.

Ich bin nicht enttäuscht, nicht wirklich. Eigentlich war das zu erwarten. Aber von diesem Film hätte ich mich wirklich gerne einmal überraschen lassen.

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